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Biografie

Lisa Sellge studierte Lehr- Lern- und Trainingspsychologie an der Universität Erfurt sowie Empirische Bildungswissenschaften und Pädagogische Psychologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Im Rahmen des Leadership-Programms von Teach First Deutschland arbeitete sie zwei Jahre an einer Schule in Hamburg. Anschließend war sie unter anderem im Programmteam der Deutschen Schulakademie der Robert Bosch Stiftung und als Innovationstrainerin für die Initiative Neues Lernen tätig. Seit April 2023 ist sie Projektmitarbeiterin beim Forum Bildung Digitalisierung und dort Teil der Transferstelle im Handlungsfeld Transfer.

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Lisa
Sellge

Projektmitarbeiterin Forum Bildung Digitalisierung | lernen:digital Transferstelle

Wie ist die Idee zur Roadshow entstanden?

Ausgangspunkt der Roadshow war der lernen:digital Kick-off im November 2023 in Berlin. Dort trafen sich erstmals Vertreter:innen des Kompetenzverbunds mit Vertreter:innen der Landesinstitute und Qualitätseinrichtungen der Bundesländer. Dabei wurde aus den Ländern der Wunsch nach einer Kommunikation auf Augenhöhe – zwischen Wissenschaft und Praxis – und einer stärkeren Einbeziehung geäußert. Diese Rückmeldungen waren für unsere Arbeit im Handlungsfeld Transfer der lernen:digital Transferstelle ausschlaggebend, um die Formate bedarfsorientiert anzupassen. Unser Team im Forum Bildung Digitalisierung hat deshalb die  „Roadshow” konzipiert. Mit dem Format reisen wir aktiv in die Länder, um nachhaltige Beziehungen aufzubauen, die individuelle Expertise aus den Bundesländern einzubeziehen und durch einen direkten Austausch die bidirektionale Transferarbeit zu stärken.

Was passiert bei den Terminen vor Ort?

Die einzelnen Termine der Roadshow sind als modulare und bedarfsorientierte Workshops aufgebaut. Ziel ist es, dass sowohl die Vertreter:innen des Kompetenzverbunds als auch der Länder die Strukturen ihrer Institutionen darstellen, Anknüpfungspunkte sichtbar machen und sich über Erwartungen an die gemeinsame Zusammenarbeit verständigen. In einem kleinen Sprint-Format versuchen wir dann so konkret wie möglich zu werden und so durch die Verschränkung von verschiedenen Perspektiven gemeinsame Ziele zu bestimmen und nächste Handlungsschritte abzuleiten. Am Ende des Termin besprechen wir Anknüpfungspunkte und Synergien für die weitere Zusammenarbeit und halten die kommenden Schritte fest.

Wie sehen die wichtigsten Take-aways bisher aus?

Wir beobachten eine große Offenheit gegenüber der Roadshow als Format und empfinden den Austausch und die Zugeständnisse von Handlungsspielräumen für beide Seiten als sehr gewinnbringend. Außerdem wird bei jedem Termin die Motivation aller Beteiligten – auf Seiten des Kompetenzverbunds und der Länder – deutlich, die Lehrkräftebildung in Deutschland gemeinsam zu verbessern und voranzutreiben sowie voneinander zu lernen. Inhaltlich erkennen wir, dass viele Themen länderübergreifend auftreten und die Länder gleichzeitig ähnliche Handlungsschritte andenken, wie die Zusammenarbeit zwischen lernen:digital und dem jeweiligen Land gestärkt werden kann. Als nächsten Schritt gilt es nun für unser Transfer-Team im Forum Bildung Digitalisierung, die übergreifenden Themen sichtbar zu machen und die gemeinsame Arbeit mit den Ländern zu vertiefen.

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Interview mit Stefan Rumann und Günther WolfswinklerRedaktion: Petra Schraml und Michaela Achenbach, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Sie leiten und koordinieren die drei Projektverbünde ComᵉMINT, ComᵉArts und ComᵉSport. Gibt es Ziele, die für alle drei Verbünde gelten?

Stefan Rumann: Wir wollen in allen drei Projektverbünden Module für die Lehrkräftefortbildung im Bereich digitalisierungsbezogener Kompetenzen entwickeln und diese im Rahmen der Projektlaufzeit erproben. Das ist über die Verbundstrukturen mit der Bildungsadministration ‒ der Qualitäts- und UnterstützungsAgentur – Landesinstitut für Schule (QUA-LiS) und den beiden Ministerien für Schule und Bildung und für Kultur und Wissenschaft NRW ‒ abgestimmt.

Günther Wolfswinkler: Der Transfer über die Strukturen der Bildungsadministration ist uns sehr wichtig. Zudem müssen die Materialien nach der Förderlaufzeit von allen Zielgruppen gefunden werden können. Auch dafür sorgen wir jetzt schon in allen drei Projektverbünden.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es noch?

Stefan Rumann: Es gibt eine alle drei Verbundprojekte inkludierende Projektgovernance, die sich nicht nur auf die Koordination durch die Universität Duisburg-Essen bezieht, sondern auch auf eine gemeinsame Support-Struktur. Alle drei Projektverbünde haben eine gemeinsame Transferstelle an der Universität Bielefeld, TraBBi_digital, Leitung Martin Heinrich, die den nachhaltigen Transfer der Module gestaltet. Außerdem gibt es ein gemeinsames Qualitätsmanagement und ein Metaportal für die Dokumentation, das Auffinden und Ausgeben von digitalen Ressourcen für die Lehrkräftebildung, das von der Universität Münster unter der Leitung von Prof. Dr. Manfred Holodynski koordiniert wird und in allen drei Verbünden derselben Logik folgt. Das Qualitätsmanagement und das Metaportal wurden bereits vom Vorgängerprojekt ComᵉIn entwickelt.

„Wir wollen in allen drei Projektverbünden Module für die Lehrkräftefortbildung im Bereich digitalisierungsbezogener Kompetenzen entwickeln und diese im Rahmen der Projektlaufzeit erproben.“

Prof. Dr. Stefan Rumann

Auch bei dem NRW-Projekt ComᵉIn, das von 2020 bis 2023 im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung gefördert wurde, standen die digitalisierungsbezogenen Kompetenzen von Lehrpersonen im Fokus. Inwiefern bauen die Projektverbünde auf dem Vorgängerprojekt auf?

Stefan Rumann: Bei ComᵉIn haben sich unter Konsortialführung der Universität Duisburg-Essen alle zwölf lehrkräftebildenden Hochschulen des Landes NRW zusammengeschlossen und in Communities of Practice (CoP) das Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen, Ausbildungsphasen und Hochschulstandorten eingebracht. Das erklärt den NRW-Fokus der aktuellen Verbünde, auch wenn wir Partner aus anderen Bundesländern mit dabeihaben. Diese klare Bereitschaft aller NRW-Universitäten und aller Phasen, sich gemeinsam in dem Feld zu engagieren, konnten wir bei der Entwicklung unserer ComeVerbünde nutzen.

Günther Wolfswinkler: Dabei war es ein großer Vorteil, dass wir mit einem großen Personalstamm von ComᵉIn die aktuellen Projektanträge formuliert haben und auch viele ComeNet-Leiter:innen schon bei ComᵉIn dabei waren. Auch wenn es uns guttut, dass wir jetzt über ComᵉIn hinaus den Blick bundesweit richten und viele neue Partner aus anderen Bundesländern dabei sind, so bringen die aus ComᵉIn kommenden Mitarbeiter:innen doch einen großen Erfahrungsschatz und viel Vorwissen mit. Sie wissen, was für eine Herausforderung es für Universitäten ist, Lehrkräftefortbildungen nach wissenschaftlichen Maßstäben so zu konzipieren, dass sie transferierbar sind und auch der Bedarfslage entsprechen. Die Universität Duisburg-Essen ist nicht in der Rolle, jeden Projektverbund alleine und in allen Facetten zu koordinieren. Neben der koordinativen Verbundleitung hat jeder Verbund eine fachliche Leitung an einem weiteren Standort. Insgesamt setzen wir auf eine breite Beteiligung der Universitäten an dem Themenfeld digitalisierungsbezogene Lehrkräftefortbildung. Lehrkräftefortbildungen als Aufgabenfeld der Hochschulen zu etablieren, ist uns sehr wichtig und kann als ein weiteres Ziel verstanden werden. Die Laufzeit von drei Jahren bei ComᵉIn war zu kurz dafür und auch die zwei Jahre Laufzeit von lernen:digital werden zu kurz dafür sein. Eine Verlängerung des Projekts hätte von daher einen hohen Mehrwert, denn die Expertise ist jetzt da.

Was ist der Unterschied zwischen den CoPs und den ComeNets?

Günther Wolfswinkler: Die ComeNets ‒ vergleichbar mit Teilprojekten ‒ bestehen aus rein hochschulinternen Netzwerken von zwei bis drei Universitäten, die sich punktuell Kooperationspartner wie Fortbildner:innen für die Erprobung selbst suchen. In den CoPs nahmen neben den Hochschulen Vertreter:innen aus der zweiten und dritten Phase der Lehrkräftebildung, aus den Schulen, den Bezirksregierungen sowie aus dem Vorbereitungsdienst teil, für die es einzelne Abordnungsstunden gab. Das ist bei lernen:digital nicht der Fall.

„Insgesamt setzen wir auf eine breite Beteiligung der Universitäten an dem Themenfeld digitalisierungsbezogene Lehrkräftefortbildung.“

Dr. Günther Wolfswinkler

Von welchen positiven und negativen Erfahrungen, die Sie mit ComᵉIn gemacht haben, können Sie besonders profitieren?

Stefan Rumann: Die Erfahrung mit ComᵉIn hat uns gezeigt, dass man nicht früh genug beginnen kann, alle Stakeholder in der Bildungsadministration zusammenzubringen. Wichtig ist auch, Standards frühzeitig zu setzen und die Relevanz von Transfer früh deutlich zu machen. Wir haben deshalb vom ersten Tag an eine verbundinterne Transferstelle gehabt.

Günther Wolfswinkler: Ja, bei ComᵉIn haben wir gelernt, wie wichtig es ist, die Dissemination und das Setzen von Standards von vorneherein mitzudenken. Aus dem Grund haben wir jetzt von Anfang an klar formuliert, dass zum Beispiel DigCompEdu der verbindliche Kompetenzrahmen ist, wir uns an den Standards guter Lehrkräftefortbildung orientieren und nach der Forschungsmethodologie des Design-Based Research-Ansatzes vorgehen. Auch Inklusion ist in allen Verbünden prominent ausgewiesen. Bei ComᵉIn war es noch ein großer Kraftaufwand, bis die gemeinsamen Ziele und Zielgruppen festgelegt waren. Davon haben wir jetzt profitiert und uns dieses Mal recht schnell entschieden: Wir wollen Module für Multiplikator:innen entwickeln. Unterrichtsmaterialien und Lernmanagementsysteme können Teil eines Moduls sein, reichen aber allein nicht aus. Als Zielgruppe sind Multiplikator:innen, also Fortbildner:innen, adressiert und nicht Lehrkräfte, da sonst zu viele Unterrichtskonzepte entstehen würden, bei denen der Zusammenhang zur Lehrkräftefortbildung nicht deutlich wird.

Welche Fortbildungsmodule werden entwickelt und was sollen die Lehrkräfte daraus für ihren Unterricht lernen?

Stefan Rumann: In den ComeNets entstehen zwei Arten von Modulen. Einige Module gehen eher in die Breite und sind mit einem hohen Transfercharakter versehen. Wenn es beispielsweise um die Vermittlung inklusiver Aspekte im Sachunterricht geht, setzen wir auf das Universal Design for Learning. Andere Module gehen mehr in die Tiefe. Das sind zum Beispiel Projekte im Physikbereich, wo es um neue Ansätze für eine digitalisierungsbezogene Vermittlung von Mechanik geht, die dann aber auf Elektrizitätslehre oder Optik transferierbar sind. In der Chemie und Biologie stehen digitalisierungsbezogene Formen des Experimentierens im Fokus, mit deren Hilfe auch wissenschaftstheoretische Aspekte von naturwissenschaftlichem Unterricht in einem größeren Maßstab gedacht und generalisiert werden können.

Günther Wolfswinkler: Im Sportunterricht gibt es Fortbildungsmodule, in denen es um ein ganz bestimmtes Tool wie VR-Brillen geht. Andere Fortbildungsmodule rücken Körperbilder in der digitalen Welt unter Inklusionsgesichtspunkten in den Mittelpunkt. Dort wird beispielsweise die weit verbreitete Vorstellung der muskulösen Sportlerin, des muskulösen Sportlers reflektiert und hinterfragt, ob dieses Bild im Sportunterricht kolportiert werden sollte. Die multimediale Darstellung von Geschlechtern und Körpern spielt auch im Kunstunterricht eine Rolle.

„Die Erfahrung mit ComᵉIn hat uns gezeigt, dass man nicht früh genug beginnen kann, alle Stakeholder in der Bildungsadministration zusammenzubringen.“

Prof. Dr. Stefan Rumann

Enthalten alle Fortbildungsmodule ein Nutzungskonzept?

Günther Wolfswinkler: Das Nutzungskonzept ist obligatorischer Bestandteil eines jeden Moduls. Es ist eine Art Metadatenraster und enthält u. a. die Bezugnahme zum Kompetenzrahmen oder zur geeigneten Schulform und weist die inhaltlichen Zielsetzungen und organisatorischen Voraussetzungen in Fortbildungskontexten aus. Alle Module und Nutzungskonzepte richten sich an Multiplikator:innen, auch die Selbstlernkurse. Mitgelieferte Unterrichtskonzepte oder Arbeitsblätter können dann von ihnen an Lehrkräfte weitergegeben werden.

Es sind viele Bundesländer und Hochschulen an den drei Projektverbünden beteiligt. Das Netzwerk(en) spielt eine große Rolle. Wie wird die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen den Projektverbünden organisiert?

Stefan Rumann: Die Konsortialführung für alle drei Verbünde liegt bei der Universität Duisburg-Essen, hier verantworten wir auch, zusammen mit der Universität Bielefeld, das Qualitätsmanagement der Verbünde. Der verbundinterne Transfer und unser Metaportal werden jeweils von anderen Standorten verantwortet. Ergänzend gibt es eine verbundübergreifende Steuerungsgruppe, in der die fachlichen Projektleitungen mit der Konsortialführung zusammenkommen und in der auch Vertreter:innen aus der Transferstelle und dem Metaportal beteiligt sind. Als ein weiteres Strukturmerkmal richten wir jährlich eine zweitägige Veranstaltung der digitalen Lehrkräftefortbildung aus, an der sich alle drei Verbünde am ersten Tag projektverbundübergreifend und am zweiten Tag projektverbundsintern treffen. Was die Vernetzung angeht, hat ComᵉSport, in welchem monothematisch ein Fach adressiert wird, eine stärkere bundesweite Vernetzung. Im MINT-Bereich, der in NRW sehr stark aufgestellt ist, wurde das Netzwerk NRW-bezogen noch enger geknüpft und das Fächerspektrum erweitert.

„Das Nutzungskonzept ist obligatorischer Bestandteil eines jeden Moduls.“

Dr. Günther Wolfswinkler

Inwiefern binden Sie Lehrkräfte und Landesinstitute in die Entwicklung der Fortbildungsmodule ein?

Stefan Rumann: Die ComeNets gehen lokale Kooperationen mit Lehrkräften ein, die als Multiplikator:innen in der Lehrkräftefortbildung tätig sind. Sie beteiligen sich bei der Entwicklung der Module, die dann in der Weiterbildung disseminiert werden.

Günther Wolfswinkler: Neben den Fortbildner:innen nehmen in den ComeNets auch engagierte Lehrkräfte freiwillig teil, die dann ihr Feedback geben. Die Partnerschaften bauen die ComeNets um die Hochschulstandorte auf. Bei 15 ComeNets können wir das nicht zentral leisten. Dezentral wird ein großes Spektrum an Erprobungsansätzen, die z. B. auf Befragungen zur Selbstwirksamkeit und zur eigenen Kompetenzentwicklung basieren, verfolgt. Anders sieht es in Bezug auf die Landesinstitute aus. Wir sind mit QUA-LIS in NRW schon seit ComᵉIn sehr eng verbunden. Über unsere eigene Transferstelle haben wir auch bundesweit Zugang zu Landesinstituten. Im Rahmen des EMSE-Netzwerk der Landesinstitute zum Beispiel stellen wir regelmäßig Materialien vor, geben Feedback und machen unsere Projekte publik. Aber wir warten natürlich, welche Strukturen im Rahmen von lernen:digital gebildet werden und wollen denen nicht vorweggreifen. Die lehrkräftebildende Community – Fachdidaktiker:innen und Landesinstitute – wächst, wie schon bei der Qualitätsoffensive Lehrerbildung, über dieses Programm eng zusammen. Das ist ein nicht zu vernachlässigender Effekt dieses Programms und er spricht auch dafür, solche großen Programme über längere Jahre weiter fortzusetzen.

 

Wie planen Sie den länderübergreifenden Transfer in die Praxis und die nachhaltige Bereitstellung der Fortbildungsmodule?

Stefan Rumann: Im Grunde sind hierfür drei Bausteine zentral: Antizipation des Transfers von Anfang an, eine über die Projektlaufzeit hinausreichende Portalstruktur und der Aufbau nachhaltiger, phasenübergreifender Kooperationsstrukturen.

Günther Wolfswinkler: Genau. Zum einen müssen die Projektverbünde schon bei der Entwicklung der Fortbildungsmodule den Transfer mitbedenken, deshalb haben wir von Anfang an unsere Standards implementiert. Zum anderen sorgt das Metaportal für eine eigenständige Dissemination, aber auch für eine Anschlussfähigkeit an die Distributionswege von lernen:digital, ComPleTT / Fundus und Mundo. Außerdem befindet sich das System der Lehrkräftefortbildung in NRW zurzeit in einem Reformprozess und öffnet sich den Hochschulen gegenüber. ComᵉIn und die nachfolgenden ComᵉVerbünde werden als Pilotprojekte intensiv beobachtet. Wir haben schon unter ComᵉIn die AG „Kooperation Wissenschaft und Fortbildungspraxis“ etabliert, in der Vertreter:innen der Bezirksregierungen, der beiden Ministerien, des Landesinstituts und der Hochschulen im Halbjahresrhythmus zusammenkommen und über grundsätzliche Fragen der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Fortbildungspraxis sowie über die Inhalte der Verbünde sprechen. Hier sind Strukturen geschaffen worden, die mittlerweile auch Verwertungsstrukturen darstellen.

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Dr. Kathleen Warnhoff leitet seit November 2024 die Geschäftsstelle der Transferstelle des Kompetenzverbund lernen:digital an der Universität Potsdam. Das Thema Transfer zieht sich kontinuierlich durch ihre Arbeit und Forschung. Zuletzt leitete sie im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Mitarbeit das Transferprojekt „Digitalisierung der Arbeit: Eine Chance für alle?” am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Dabei lag der Schwerpunkt auf dem schulischen Bereich. Als Stipendiatin am Promotionskolleg „Gute Arbeit: Ansätze zur Gestaltung der Arbeitswelt von morgen“ war sie am WZB als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und promovierte zum Thema „Arbeitsbezogenes Lernen im Kontext von Industrie 4.0”. Zuvor war Kathleen Warnhoff mehrere Jahre als Lehrbeauftragte an verschiedenen Berliner Hochschulen und in diversen Projekten im Aus- und Weiterbildungssektor tätig. Sie studierte Wirtschaftskommunikation an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin mit einem Schwerpunkt auf Medien- und Kommunikationssoziologie.

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Dr. Kathleen
Warnhoff

Leiterin der Geschäftsstelle | lernen:digital Transferstelle

Der Kompetenzverbund lernen:digital befindet sich bereits in der Mitte der Projektlaufzeit. Wie ist Ihr bisheriger Eindruck des Projektvorhabens zum Start Ihrer Tätigkeit?

Es ist Halbzeit und mein Eindruck ist, dass bereits viele Vorhaben weit fortgeschritten sind. Beim Kompetenzverbund lernen:digital handelt es sich um ein hochkomplexes Mammutprojekt, das mit der bundesweiten Vernetzung vieler Akteure neue Impulse setzt, die für die digitale Transformation im schulischen Bildungswesen relevant sind. Die Verzahnung aller Aktivitäten ist eine spannende und anspruchsvolle Aufgabe. Vieles hat sich seit Beginn des Verbundes bereits entwickelt, dazu zählt insbesondere die Umsetzung interessanter Transferaktivitäten wie die Roadshow, die vor Ort mit den jeweiligen Landesinstituten gemeinsam Gelingensbedingungen identifiziert und weitere gemeinsame Vorgehensweisen abstimmt. Ein Highlight des vergangenen Jahres war zweifellos die Tagung „Digitale Transformation für Schule und Lehrkräftebildung gestalten“ in Potsdam, mit der die Vernetzung zwischen Wissenschaft und Praxis gut gelungen ist. Für die zweite Projekthälfte sind also gute Voraussetzungen geschaffen und ich freue mich, diese in meiner Rolle nun aktiv mitzugestalten.

Welche Perspektiven bringen Sie mit, die für Ihre neue Rolle von Bedeutung sind?

In meiner Rolle als Leiterin der Geschäftsstelle fließen tatsächlich verschiedene Stationen meines gesamten beruflichen Werdegangs zusammen. Dazu gehören ein Erfahrungsschatz im Auf- und Ausbau von Netzwerken sowie ein großes Interesse am Austausch zwischen Forschung und Praxis. Im Zuge meiner Forschung befasse ich mich außerdem mit der Digitalisierung von Bildungsprozessen, u. a. im Rahmen meiner Arbeit am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Das Thema Transfer spielte bisher durchgängig eine besondere Rolle in meiner Forschungsarbeit. Ich bringe also ein ganzes Bündel an Erfahrungen und zusätzlich eine interdisziplinäre Denkweise mit.

Die Gestaltung des Transfers zwischen Wissenschaft und Praxis ist eine zentrale Rolle der lernen:digital Transferstelle: Wie gelingt aus Ihrer Sicht der Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis am besten?

Im Kern liegt dem Projekt eine multidimensionale Transferstrategie zugrunde, die auf verschiedenen Ebenen ansetzt. Hier geht es zum einen um die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis durch verschiedene Dialogformate. Es geht aber auch um den direkten Transfer von Fortbildungsansätzen, die in den Projektverbünden entstehen. Hierbei sind die Landesinstitute zentrale Akteure, da sie die Inhalte in die Fläche und an die richtigen Stellen tragen können. Diese Transferaktivitäten erfordern ein gemeinsam geteiltes Verständnis und synchronisiertes Handeln in komplexen Netzwerkkonstellationen.

Sie haben sich vor der Tätigkeit in der lernen:digital Transferstelle intensiv mit dem Thema „Gute Arbeit“ beschäftigt. Was sind zentrale Erkenntnisse?

Die digitale Transformation ist in vollem Gange und macht weder vor dem Werkstor noch vor dem Schultor halt. Die relevanten Fragen gehen aus meiner Sicht weit über triviale Bedienungs- und Nutzungslogiken hinaus. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Frage, welche Kompetenzen Fachkräfte an Schulen für guten Unterricht  im Kontext technischer Entwicklungen benötigen. 

Durch meinen eigenen Forschungshintergrund vertrete ich die Ansicht, dass Digitalisierung keine rein technische, sondern vor allem eine soziale Frage ist. Das bedeutet, dass die Prozesse gestaltbar sind und viele Personen einen wichtigen Anteil am Gelingen dieses Prozesses haben.

Es geht meiner Ansicht nach gegenwärtig vor allem darum, die technischen Möglichkeiten mit fachdidaktischen Anforderungen in Übereinstimmung zu bringen und die Schule als Bildungsort kritisch zu reflektieren. Für eine digitalisierte Schule sind gut ausgebildete Lehrkräfte und Schulleitungen unabdingbar.

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Interview mit Prof. Dr. Mario DunkelRedaktion: Petra Schraml, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Sie arbeiten in dem Projektverbund DiDiPro mit. Was ist das Ziel des Projektvorhabens?

Mario Dunkel:Das Ziel des Projektverbunds DiDiPro ist der Aufbau, die Erweiterung und der spätere Transfer von fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten entlang diversitätssensibler Zugänge zu Producing im Kontext populärer Musikkulturen. Das Projekt teilt sich in vier Teilziele auf. Ziel eins ist die konzeptions- und länderübergreifende Implementierung von diversitätssensiblen Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen im Bereich Producing. Ziel zwei ist die nachhaltige Gestaltung eines phasenübergreifenden Wissenstransfers im Bereich diversitätssensibles Producing. Ziel drei ist der Transfer internationaler Erkenntnisse in die Lehrkräftebildung und Ziel vier ist die Bündelung und Bereitstellung von Materialien zur Lehrkräftefortbildung und Unterrichtsentwicklung im Bereich Producing und Diversität.

Das digitale Musik-Producing nimmt eine große Rolle in Ihrem Projektverbund ein.

Mario Dunkel: Ja, Musik-Producing spielte bislang eine untergeordnete Rolle im Musikunterricht und in der Lehrkräftefortbildung von Musiklehrkräften im deutschsprachigen Raum. Dabei birgt es ein enormes Potenzial für den Musikunterricht, weil es mit Kernpraktiken populärer Musik arbeitet, mit denen sich Schüler:innen zum Teil sowieso schon auseinandersetzen. Eine unreflektierte Einführung von Aspekten des Producings in den Musikunterricht kann die Beteiligten aber überfordern und soziale Ungleichheiten verstärken. Wir versuchen deshalb, das Producing diversitätssensibel zu vermitteln und zum Beispiel Gender-Stereotype, wie das klassische Bild des Musikproduzenten, das sehr stark männlich konnotiert ist, zu hinterfragen. So haben wir u. a. einen Avatar entwickelt, der sich in einem binären Geschlechtermodell nicht genau zuordnen lässt, um so von dem Stereotyp des männlichen Musikproduzenten wegzukommen.

„Wir haben dort die Fortbildungsmodule erprobt, die wir bereits erarbeitet haben, und uns dazu u. a. Feedback von teilnehmenden Lehrkräften und Studierenden eingeholt.“

Dr. Mario Dunkel

Welche Fortbildungsmodule entwickeln Sie?

Mario Dunkel: Die Fortbildungsmodule, die wir entwickeln, richten sich in erster Linie an Musiklehrkräfte in der Sekundarstufe I und II. Alle fünf Teilprojekte von DiDiPro beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aspekten von Musikproduktion. Ein Teilprojekt an der Universität Lüneburg entwickelt Lehrerfortbildungen zu Digital Audio Workstations. An der Universität Oldenburg werden zwei Teilprojekte durchgeführt. Eins dreht sich um die Entwicklung von Tutorials für Musikproduktion. In dem anderen werden Lehrkräfte und auch Schüler:innen dazu angeregt, auf kreative Art und Weise selbst diskriminierungskritische Musikvideos zu erstellen und dadurch einen handlungsorientierten Umgang mit diesen Fragen zu entwickeln. Verschiedene Methoden zum Umgang und zur Erstellung von Musikvideos mit problematischen Inhalten sind bereits entstanden. Dabei orientieren wir uns an der Hip-Hop-Pädagogik, in der es auch um Empowerment-Techniken geht und wie diese kreativ im Rahmen von der Musikproduktion und der Musikvideoproduktion erprobt werden können.

Welche Inhalte haben die Teilprojekte an der Universität Münster?

Mario Dunkel: In einem der beiden Teilprojekte geht es darum, wie Lehrkräfte musikpraktisch mit Improvisation arbeiten und dabei auch digitale Tools einsetzen können, bei dem anderen um Beatmaking und digitales DJing im Musikunterricht. Alle fünf Teilprojekte sind eng miteinander verbunden, so beschäftigt sich das Tutorial-Projekt beispielsweise auch mit Digital Audio Workstations. Interessierte können auf unserer Internetseite mehr über die einzelnen Teilprojekte erfahren.

Wenn die Teilprojekte eng miteinander verbunden sind, arbeiten Sie bestimmt auch eng zusammen. Wie gelingt die Hochschul- und länderübergreifende Zusammenarbeit?

Mario Dunkel: Sehr gut. Es gibt regelmäßige Treffen und Interaktionen, vor allem, wenn es zwischen den Teilprojekten einen engen thematischen Bezug gibt. Aber wir entwickeln auch gemeinsame Formate wie beispielsweise den Fortbildungstag, der jetzt im November in der Landesmusikakademie in Heek (NRW) stattfand. Wir haben dort die Fortbildungsmodule erprobt, die wir bereits erarbeitet haben, und uns dazu u. a. Feedback von teilnehmenden Lehrkräften und Studierenden eingeholt.

„Lehrkräfte und zum Teil auch Studierende erproben die Materialien und Konzepte und geben uns ein erstes Feedback dazu, wie sie im Unterricht eingesetzt werden können.“

Dr. Mario Dunkel

Das heißt, die Lehrkräfte und Studierenden werden von vorneherein in die Entwicklung der Fortbildungen eingebunden?

Mario Dunkel: Unser Projekt ist so strukturiert, dass an allen Standorten sogenannte phasenübergreifende Entwicklungsteams zusammenarbeiten. Die Teams bestehen aus der Projektleitung, Projektmitarbeitenden, Studierenden und mindestens zwei Lehrkräften aus unterschiedlichen Schulen in verschiedenen Bundesländern. Dadurch waren Lehrkräfte und auch Studierende von Anfang an in die Entwicklung unserer Fortbildungen eingebunden. In den Teams besprechen wir die Materialien, die wir entwickeln, und reflektieren ihren Einsatz in Seminaren. Lehrkräfte und zum Teil auch Studierende erproben die Materialien und Konzepte und geben uns ein erstes Feedback dazu, wie sie im Unterricht eingesetzt werden können. Das ist sehr hilfreich, weil wir dadurch einen sehr regelmäßigen und intensiven phasenübergreifenden Austausch haben und wir die Fortbildungen darauf aufbauend weiterentwickeln können.

„Gleichzeitig ist es auch eine Möglichkeit, auf Praktiken einzugehen, die in der Alltagswelt der Schüler:innen ohnehin schon verankert sind.“

Dr. Mario Dunkel

Gibt es auch schon Kontakte zu Landesinstituten?

Mario Dunkel: Ja, wir arbeiten auch mit den Landesinstituten in den Ländern zusammen. So haben wir schon in der Frühphase des Projekts beispielsweise einen Workshop am Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) im Rahmen des Landeskongress Musikunterricht gegeben. Da wir ein Verbund mit einer Fokussierung auf Musikunterricht sind, ist die Kooperation mit den Landesmusikakademien, die ebenfalls für Musiklehrkräftefortbildungen zuständig sind, aber ebenso zentral.

Wie können Lehrkräfte durch die Fortbildungen, die Sie erarbeiten, ihren Unterricht weiterentwickeln?

Mario Dunkel: Lehrkräfte können durch die Fortbildungen ihren Unterricht um digitale Komponenten oder Themen erweitern. Das ist insofern interessant für die Lehrkräfte, weil es Inhalte sind, die bis jetzt im Studium eine nur untergeordnete Rolle spielten, wenn es sie überhaupt gab. Gleichzeitig ist es auch eine Möglichkeit, auf Praktiken einzugehen, die in der Alltagswelt der Schüler:innen ohnehin schon verankert sind. Viele Schülerinnen und Schüler produzieren mit dem Handy oder iPad schon im Alltag einfache Musikaufnahmen und kleine Musikvideos. Musikproduktion ist sehr zugänglich geworden. Man spricht auch von dem sogenannten Bedroom-Producing, was so viel bedeutet wie, dass im Kinderzimmer Musikaufnahmen gemacht werden, die schon recht professionell klingen können. Wir sehen in diesen Entwicklungen ein großes Potenzial. Die Herausforderungen und Chancen bestehen darin, solche Praktiken in den Unterricht zu integrieren und dabei auch eine reflexive Perspektive auf diese zu ermöglichen. Im Musikunterricht besteht oft eine große Heterogenität in der musikalischen Vorbildung der Schüler:innen. Unsere Herangehensweise ist deshalb auch eine Möglichkeit, beispielsweise Schüler:innen, die keinen Instrumentalunterricht hatten, dafür aber technikaffin sind oder gerne Dinge mit digitalen Endgeräten ausprobieren, für den Musikunterricht zu begeistern.

Prof. Dr. Mario Dunkel

Mario Dunkel ist Professor für Musikpädagogik mit Schwerpunkt transkulturelle Musikvermittlung am Institut für Musik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (UOL). Er studierte in Dortmund, Atlanta und New York Musik, Englisch und Amerikanistik. 2014 promovierte er in Amerikanistik/Kulturwissenschaften an der TU Dortmund. 2017 trat er die Juniorprofessor für Musikpädagogik mit Schwerpunkt transkulturelle Musikvermittlung am Institut für Musik der UOL an. Im März 2023 folgte die Ernennung zum Universitätsprofessor. Im Kompetenzverbund lernen:digital leitet Mario Dunkel den Projektverbund „Digitalität – Diversität – Producing: Praktiken populärer Musik in Schule und Weiterbildung“ (DiDiPro).

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Interview mit Prof. Dr. Detlef Kanwischer. Redaktion: Petra Schraml, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Lehrkräfte müssen heute mit digitalen Kompetenzen ausgestattet sein, um ihre Schüler:innen auf eine digital souveräne Teilhabe an der Gesellschaft vorzubereiten. Wie wollen Sie mit den digitalen Fachkonzepten, die Sie im Projektverbund ReTransfer entwickeln, dazu beitragen?

Detlef Kanwischer: Das Projekt ReTransfer zielt darauf ab, digitale Fachkonzepte zu entwickeln, die speziell auf die Bedürfnisse gesellschaftswissenschaftlicher Lehrkräfte ausgerichtet sind. Diese Konzepte sollen Lehrkräfte befähigen, digitale Werkzeuge und Methoden effektiv in ihrem Unterricht einzusetzen. Durch die länderübergreifende Zusammenarbeit wollen wir sicherstellen, dass die entwickelten Konzepte breit anwendbar und auch adaptierbar sind, wodurch eine einheitliche und qualitativ hochwertige Fortbildung ermöglicht wird. Die Nutzung von OER (Open Educational Resources) gewährleistet zudem die freie Zugänglichkeit und Weiterentwicklung der Materialien. Im Kern geht es darum, Lehrkräften fundierte Kenntnisse über digitale Medien und Werkzeuge im Kontext der Gesellschaftswissenschaften zu vermitteln, damit sie darauf aufbauend, diese im eigenen Unterricht zur Förderung von Wissenserwerb und kritischem Denken der Schüler:innen anwenden können. In den Gesellschaftswissenschaften geht es vor allem auch um den kritischen und reflexiven Umgang mit digitalen Informationen wie zum Beispiel Fake News.

ReTransfer ist untergliedert in zehn Teilprojekte. Mit welchen Themen beschäftigen sich diese? Gibt es Gemeinsamkeiten der digitalen Fachkonzepte, die in den Teilprojekten entstehen?

Detlef Kanwischer: Von den zehn Teilprojekten setzen sich sechs Teilprojekte mit der Entwicklung von Lehrkräftefortbildungen auseinander. Für die Fächer Sozialwissenschaften, Geschichte und Geographie entstehen je zwei Fachkonzepte zu unterschiedlichen Themen. In den Sozialwissenschaften stehen Gesellschaftskonstruktionen im Kontext von digitalen Medien und forschendes Lernen mit mobilen Technologien im Fokus. Im Fach Geschichte werden die Themen „Virtual Reality (VR) als digitaler Erinnerungsraum“ und „Digitale Sammlungen und Quellenkritik“ behandelt. Ein Thema in Geographie ist „Digitales Storytelling im Kontext von Nachhaltigkeit“, das andere „Digitale Visualität raumbezogener Konflikte.“ Alle Themen werden so ausgearbeitet, dass sie Anknüpfungspunkte zu den anderen Fächern bieten, denn virtuelle Realität, digitale Visualität und Quellenkritik spielen in allen Gesellschaftswissenschaften eine Rolle.

Als überfachlicher Referenzrahmen für die Kompetenzentwicklung dient uns der „European Framework for the Digital Competence of Educators (DigCompEdu)“ und für die konzeptionelle Entwicklung der Fachkonzepte das „Frankfurt-Dreieck zur Bildung in der digitalen Welt.“ Dieses Dreieck setzt sich zusammen aus den drei Komponenten Interaktion, gesellschaftliche Wechselwirkungen, Strukturen und Funktionen. Alle Lehrkräftefortbildungen orientieren sich an ihnen. Darüber hinaus verfolgen alle Teilprojekte das Ziel, die digitale Souveränität von Lehrkräften zu fördern. Zu diesem Themenbereich haben wir einen Selbstlernkurs entwickelt, der an konkreten Unterrichtsbeispielen verdeutlicht, wie digitale Souveränität vermittelt werden kann.

„Durch die länderübergreifende Zusammenarbeit wollen wir sicherstellen, dass die entwickelten Konzepte breit anwendbar und auch adaptierbar sind, wodurch eine einheitliche und qualitativ hochwertige Fortbildung ermöglicht wird.“

Detlef Kanwischer

Welche Themen behandeln die anderen vier Teilprojekte?

Detlef Kanwischer: Die anderen vier Teilprojekte haben unterschiedliche Forschungsschwerpunkte. Ein Teilprojekt analysiert die Wirkungsfaktoren und Gelingensbedingungen von Wissenstransfer. Weitere Teilprojekte setzen sich mit der Evaluation der Lehrkräftefortbildungen und der Kompetenzentwicklung der Lehrkräfte auseinander. Daneben bearbeiten wir in den Teilprojekten auch, wie eine länderübergreifende Transferierbarkeit realisiert werden kann und wie die Voraussetzungen digitaler Infrastrukturen in den Bundesländern sind, die sich ja durchaus unterscheiden. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund der Anwendung von offenen Bildungspraktiken und Open Educational Resources wichtig. In diesem Kontext erheben wir auch die Handlungsroutinen der Lehrkräfte bei der Entwicklung und Nutzung der offenen Bildungsmaterialien.

Können Sie ein Beispiel geben, wie Lehrkräfte die Inhalte der digitalen Fachkonzepte in ihrem Unterricht anwenden können?

Detlef Kanwischer: Ein Beispiel ist die Erkundung historischer Orte mit Hilfe von Virtual Reality-Anwendungen. Die Spannweite reicht dabei von 360°-Aufnahmen noch bestehender bis hin zu aufwendigen virtuellen Rekonstruktionen längst verfallener oder zerstörter Orte. Diese Technologien sind längst fester Bestandteil der pädagogischen Arbeit von Museen und Gedenkstätten, aber im schulischen Geschichtsunterricht sind sie nur selten anzutreffen. Daher entwickeln wir länderübergreifende Fortbildungen für Geschichtslehrkräfte, in denen der schulische Einsatz von VR-Anwendungen aufgezeigt wird.

Auf welche Art und Weise werden Lehrkräfte und Landesinstitute in die inhaltliche Entwicklung der digitalen Fachkonzepte eingebunden?

Detlef Kanwischer: Die Lehrkräfte und die Landesinstitute werden aktiv in diesen Entwicklungsprozess eingebunden, indem sie an Workshops zur Entwicklung der Lehrkräftefortbildungen und an Pilotphasen teilnehmen. Ihr Feedback fließt unmittelbar in die Ausarbeitung und Optimierung der digitalen Fachkonzepte ein. Durch diese partizipative bzw. ko-konstruktive Herangehensweise wird sichergestellt, dass die entwickelten Konzepte praxisnah und bedarfsgerecht sind. Ich würde sogar behaupten, dass diese aktive Beteiligung von Lehrkräften und Landesinstituten an der inhaltlichen und technischen Entwicklung der digitalen Fachkonzepte ein zentraler Erfolgsfaktor des Projekts ist.

Am Projektverbund sind fünf Hochschulstandorte in fünf Bundesländern sowie das DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation beteiligt. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Detlef Kanwischer: Die Zusammenarbeit läuft sehr gut. Ich muss allerdings dazu sagen, dass wir schon zu Projektantrag eine gut vernetzte und gut eingespielte Gruppe waren. Alle Projektteilnehmende von ReTransfer haben großes Interesse an der Durchführung des Projekts. Es gibt vielfältige Kooperationen, Vernetzungen und regelmäßige Abstimmungsmeetings. Wir treffen uns zum Beispiel wöchentlich in der Koordinierungsgruppe. Bei diesen Treffen können auch die Teilprojekte bei Bedarf jederzeit dazukommen. Einmal im Monat haben wir ein Treffen des Leitungsgremiums und alle drei Monate findet ein Gesamtprojektverbundtreffen statt. Insbesondere für die wissenschaftlichen Mitarbeitenden gibt es darüber hinaus noch regelmäßige Question and Answer-Sitzungen zu bestimmten Aspekten, zum Beispiel, wenn es um Publikationsstrategien geht. Zudem haben wir noch themen- und fachspezifische Arbeitsgruppen, die insbesondere im Kontext von Veröffentlichungen zusammenarbeiten. Diese Struktur ermöglicht eine effiziente und effektive Zusammenarbeit über Bundeslandgrenzen hinweg. Alle Treffen erfolgen virtuell. Aber einmal im Jahr treffen wir uns mit allen Projektbeteiligten vor Ort.

Auf welche Hürden stößt die länderübergreifende Zusammenarbeit?

Detlef Kanwischer: Inhaltlich gibt es keine Probleme. Wir haben bei unserem ersten Treffen eine Curriculumanalyse aller beteiligten Bundesländer durchgeführt und nach Querschnittsthemen gesucht, die in jedem Bundesland vorkommen. Das hat gut funktioniert. So konnten wir inhaltliche Lehrkräftefortbildungen entwickeln, die mit den Lehrplänen aller beteiligten Bundesländer korrespondieren. Auf Hürden stoßen wir, wenn es um die technischen Infrastrukturen geht. Jedes Bundesland hat andere Datenschutzbestimmungen. Diese müssen natürlich genau abgestimmt sein, sonst arbeiten wir am Ende mit Tools, die in einigen Bundesländern gar nicht verwendet werden dürfen. Auch deswegen ist eine frühe Zusammenarbeit mit den Landesinstituten wichtig.

„Die Lehrkräfte und die Landesinstitute werden aktiv in diesen Entwicklungsprozess eingebunden […]. Ihr Feedback fließt unmittelbar in die Ausarbeitung und Optimierung der digitalen Fachkonzepte ein. Durch diese partizipative bzw. ko-konstruktive Herangehensweise wird sichergestellt, dass die entwickelten Konzepte praxisnah und bedarfsgerecht sind.“

Detlef Kanwischer

Sie haben angesprochen, dass sich ein Teilprojekt mit der Kompetenzentwicklung der Lehrkräfte auseinandersetzt.

Detlef Kanwischer: Ja, das ist ein entscheidender Fokus von uns. Die Kompetenzentwicklung der Lehrkräfte wird durch begleitende Forschung evaluiert. Dabei werden sowohl quantitative als auch qualitative Methoden vor und nach der Durchführung der Fortbildungen eingesetzt, um den Einfluss der Fachkonzepte auf die digitalen und didaktischen Kompetenzen der Lehrkräfte zu messen. Die ersten Kompetenzerhebungen werden wir im Laufe dieses Jahres vornehmen. Die Ergebnisse dieser Forschung fließen kontinuierlich in die Weiterentwicklung der Konzepte ein.

Wie wird die nachhaltige Bereitstellung der digitalen Fachkonzepte und ihre länderübergreifende Implementierung in die Lehrkräftefortbildung sichergestellt?

Detlef Kanwischer: Das erfolgt durch verschiedene Maßnahmen. Die digitalen Fachkonzepte werden zum einen als frei zugängliche und editierbare Open Educational Resources (OER) veröffentlicht, um eine breite Verbreitung und Nutzung zu gewährleisten. Sie werden zum anderen auf ComPleTT hochgeladen, wo die Landesinstitute auf sie zugreifen, sie bei Bedarf überarbeiten und in ihren Bundesländern anbieten können. Wir sind auch mit den Landesinstituten im Austausch darüber, Lehrkräfte und Fachberater:innen zu Multiplikator:innen auszubilden, die die Fortbildungsmodule dann in ihren Einrichtungen und Bundesländern weitervermitteln könnten. Eine weitere Maßnahme ist die Sensibilisierung von politischen Entscheidungsträger:innen für die Bedeutung der digitalen Bildung und die Notwendigkeit der Unterstützung von Fortbildungsinitiativen wie ReTransfer. Wir sprechen regelmäßig mit Vertreter:innen der Landesministerien – die für die Landesinstitute zuständig sind –, um deutlich zu machen, wie wichtig das Thema ist.

Die digitalen Fachkonzepte werden als OER erstellt. Das heißt, dass Sie eine Weiterentwicklung und Anpassung der Materialien begrüßen?

Detlef Kanwischer: Ja, eine Weiterentwicklung der digitalen Fachkonzepte ist ausdrücklich erwünscht. Die Nutzung von OER ermöglicht es Lehrkräften und Bildungseinrichtungen, die Materialien an ihre spezifischen Bedürfnisse anzupassen und weiterzuentwickeln. Dies kann durch die Anpassung der Materialien an länderspezifische Rahmenbedingungen passieren, durch die Integration neuer digitaler Werkzeuge oder durch die Erstellung zusätzlicher Inhalte. Die Anpassung und Weiterentwicklung von OER fördert eine kontinuierliche Verbesserung und Aktualisierung der Lehrinhalte.

Prof. Dr. Detlef Kanwischer

Detlef Kanwischer ist Professor für Geographie und ihre Didaktik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er ist wissenschaftliche Leitung des Projektverbunds „Re-Innovation und Transfer digitaler Fachkonzepte in der gesellschaftswissenschaftlichen Lehrkräftebildung im Kontext von digitaler Souveränität und offenen Bildungspraktiken“ (ReTransfer). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der empirischen Untersuchung von metakognitiven Fähigkeiten beim Lernen mit digitalen Geomedien und von digitalen Lernumgebungen. Er war bisher an allen drei Initiativen der Qualitätsoffensive Lehrkräftebildung (QLB) beteiligt.

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Interview mit Prof. Dr. Britta Viebrock. Redaktion: Michaela Achenbach, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Im Fokus Ihrer Arbeit im Projektverbund DigiNICs steht der sprachliche Unterricht. Wie verändert sich dieser durch die Digitalisierung?

Britta Viebrock: Die Notwendigkeiten (fremd-)sprachlicher Bildung in der digitalen Welt gehen über die simple Nutzung von beispielsweise Sprachlern-Apps oder anderen digitalen Anreicherungen von ursprünglich analogen Phänomenen weit hinaus: Vielmehr verändern sich die fachlichen Gegenstände – Sprache/Kommunikation, Literatur und Kultur – unter den Bedingungen von Digitalität grundlegend: Die Grenzen zwischen mündlicher und schriftlicher Sprache werden unschärfer, automatisierte KI-Tools ermöglichen neue Formen der Teilnahme an Diskursen, literarische Texte treten in vielfältigen medialen Repräsentationsformen auf und sind durch Transmedia-Phänomene charakterisiert, Kulturen dynamisieren sich u.v.m. Diese veränderten Gegenstände ebenso wie veränderte Kommunikationsformen setzen andere Kompetenzen sowohl bei Lehrkräften als auch bei Schüler:innen voraus, die im (fremd-)sprachlichen Unterricht und der Lehrkräftebildung ihren Platz finden müssen.

Können Sie uns Ihren Projektverbund kurz vorstellen?

Britta Viebrock: Der Projektverbund besteht insgesamt aus sieben Teilprojekten, wobei an den Universitätsstandorten Chemnitz (Prof. Dr. Michael Krelle, Prof. Dr. Henriette Dausend), Dortmund (Prof. Dr. Gudrun Marci-Boehncke, Jun. Prof. Dr. Carolyn Blume) und Frankfurt (Prof. Dr. Johannes Mayer, Prof. Dr. Britta Viebrock) jeweils die Fächer Deutsch und Englisch beteiligt sind und unterschiedliche fachliche Schwerpunkte fokussieren: Sprache (Chemnitz); Literatur (Frankfurt) sowie das Querschnittsthema Diklusion (Dortmund).

An allen Standorten werden modularisierte Fortbildungs- und Unterstützungsformate in projektübergreifender Abstimmung (weiter-)entwickelt, erprobt und beforscht sowie in Zusammenarbeit mit den Einrichtungen für Lehrkräftefort- und -weiterbildung nachhaltig in die Praxis transferiert. Die Begleitforschung ist an der Universität Tübingen (Prof. Dr. Annika Goeze) verortet. Sie verfolgt über die wissenschaftliche Unterstützung der Transfervorhaben hinaus das Ziel, bereits identifizierte Gelingensbedingungen für erfolgreiche Implementationsprozesse von Lehrkräftefortbildungen zur nachhaltigen Veränderung von Unterricht frühzeitig in den drei fachbezogenen Projekten zu verankern und diese begleitend zu analysieren.

„Diese veränderten Gegenstände ebenso wie veränderte Kommunikationsformen setzen andere Kompetenzen sowohl bei Lehrkräften als auch bei Schüler:innen voraus, die im (fremd-)sprachlichen Unterricht und der Lehrkräftebildung ihren Platz finden müssen.“

Britta Viebrock

Was ist das Ziel von DigiNICs?

Britta Viebrock: DigiNICs steht für „Digital gestützte Networked Improvement Communities zur Stärkung digitaler Souveränität in den Fächern sprachlicher Bildung“. Mit einem erweiterten Text- und Kommunikationsbegriff lassen sich die Auswirkungen digitaler Transformationen auf sprachliche Lehr-/Lernprozesse sowie auf die Anforderungen an Lehrer:innenbildung fassen: Schüler:innen werden mit vielfältigen (digitalen) Textsorten und Kommunikationsformen konfrontiert; sie haben Zugang zu automatisierten Schreibtools zur (fremd-)sprachlichen Textproduktion oder Erweiterung ihrer Sprachkenntnisse, deren selbstbestimmte Verwendung reflexive Ansätze verlangt.

Insbesondere für Lehrkräfte sind daher erstens praktische Kenntnisse digitaler Tools und Anwendungen nötig, um (fremd-)sprachliche Lernprozesse und Textproduktionen ihrer Lerner:innen zu unterstützen. Zweitens sind text- und medienreflexive Zugänge für eine kritische Reflexion digitaler Texte und Kommunikationsformen unerlässlich, um z. B. fake news oder Manipulationen erkennen zu können. Das Konzept „digitale Text- und Kommunikationssouveränität“ verbindet beide Dimensionen: die Entwicklung digitaler Kompetenzen zur Textrezeption und -produktion sowie einer kritisch-reflexiven Haltung gegenüber digitaler Kommunikation und Textualität. Übergeordnete Ziele des Projekts sind der koordinierte Aufbau und die Konsolidierung von gleichermaßen digitalen wie lokalen Netzwerkstrukturen (NICs) zur Stärkung ebendieser digitalen Souveränität der Akteur:innen in den Fächern sprachlicher Bildung.

Wer kann sich an den regionalen und überregionalen Netzwerken beteiligen, die von DigiNICs aufgebaut werden? Welchen Vorteil bietet eine Teilnahme?

Britta Viebrock: Die Netzwerke arbeiten im ersten Projektjahr regional, danach findet eine überregionale Vernetzung statt. Die Vernetzung zwischen den einzelnen Bildungsakteur:innen sowie der Transfer von digitalisierungsbezogenen Unterrichtsinnovationen findet über Networked Improvement Communities (NIC) statt, die eine bedeutende Gelingensbedingung für Implementierungsprozesse darstellen. Mit NICs wird eine Organisationsform auf der Makroebene beschrieben, in der die beteiligten Schulleitungen, Lehrpersonen, Fachberatende der Landesinstitute und Medienzentren lösungsorientiert digitale und digital gestützte Unterrichtsinnovationen implementieren, die nicht nur theoretisch fundiert und empirisch abgesichert sind, sondern zugleich auf ihre systemischen Bedingungen hin reflektiert werden. Die Professionalisierung von Lehrkräften findet als fortlaufender Prozess statt, der Qualifizierungsbedarfe und -maßnahmen in enger Kooperation der Beteiligten und unter Einbeziehung der jeweils spezifischen Rahmenbedingungen bestimmt und entwickelt.

Der Mehrwert der Kooperation im Projektverbund generiert sich durch

(a) die sprachenübergreifende Adressierung neuer fachlicher Gegenstände, d.h. digitaler Text- und Kommunikationsformen unter Beteiligung verschiedener Akteur:innen im Bildungsprozess

(b) die kooperative, interdisziplinäre Gestaltung von Modulen zur Stärkung digitaler Souveränität auch mit Blick auf die Bedarfe der sprachlichen Fächer an den unterschiedlichen Schulformen,

(c) die zielgerichtete Bündelung und gegenseitige Verfügbarmachung wissenschaftlicher Expertise, praktischer Erfahrungen, vorhandener Professionalisierungsmodule und -tools.

Alles in allem liegt dem Projekt stärker ein Transformationsgedanke zugrunde, im Gegensatz zu einem eher unidirektionalen Transferkonzept.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen den vier beteiligten Universitäten im Projektverbund?

Britta Viebrock: Da es sich um einen kleinen Verbund handelt, der vor allem auf Netzwerkstrukturen setzt, ist die Zusammenarbeit besonders eng. Alle Entwicklungs- und Begleitforschungsschritte werden eng abgestimmt und in Teilen gemeinsam entwickelt, so zum Beispiel die Struktur der Fortbildungsmodule oder der gemeinsame Fragebogen zu Aspekten von digitaler Text- und Kommunikationssouveränität. Das Teilprojekt der Universität Tübingen, das die Implementationsprozesse untersucht, befragt auch die Leitungen der einzelnen Teilprojekte, die ihrerseits nicht nur Konzepte entwickeln und evaluieren, sondern selbst auch im Fokus der Begleitforschung stehen.

Welche Fortbildungen und Unterrichtsmaterialien werden in Ihrem Projektverbund entwickelt? Können Sie uns dazu ein paar Beispiele nennen?

Britta Viebrock: Im Projektverbund werden zum einen gemeinsame Grundlagenmodule zum Konzept der digitalen Text- und Kommunikationssouveränität in den Fächern sprachlicher Bildung sowie zu Deutsch- bzw. Englischunterricht in einer digital-mediatisierten Welt entwickelt. Zum anderen fokussieren die beteiligten Standorte jeweils einen zentralen Inhaltsbereich des Sprachenunterrichts und entwickeln spezifische Module zum digitalen bzw. digital-gestützten Lesen, Schreiben und Sprechen, zu digitaler Literatur im weitesten Sinne (hierzu zählen vor allem auch multimodale digitale Texte wie Filme, Serien oder Computerspiele sowie neue digital überformte Texte wie z. B. Twitterature), sowie zu Inklusion in und durch Medien.

Sind diese auch in einem inklusiven Unterricht einsetzbar?

Britta Viebrock: Die Fortbildungsmodule des Teilprojekts an der TU Dortmund fokussieren explizit Fragen von Diversität und Inklusion (Diklusion) und damit ein wichtiges Querschnittsthema für den (fremd-)sprachlichen Unterricht. Die Teilprojekte an der TU Chemnitz und der Goethe-Universität Frankfurt fokussieren stärker die fachlichen Inhaltsfelder Sprache und Literatur. Innerhalb des Gesamtprojekts findet aber eine Prüfung und Beratung hinsichtlich inklusionsbezogener Aspekte statt. Ein weiteres Ziel ist die Optimierung vorhandener digitaler Fortbildungsmodule im Hinblick auf Barrierefreiheit. Darüber hinaus werden neue Module (z. B. zu Fragen der Datensicherheit im Umgang mit digitalen Anwendungen) entwickelt und optimiert sowie ebenfalls auf ihre Transferierbarkeit hin überprüft.

„Insbesondere für Lehrkräfte sind erstens praktische Kenntnisse digitaler Tools und Anwendungen nötig, um (fremd-)sprachliche Lernprozesse und Textproduktionen ihrer Lerner:innen zu unterstützen. Zweitens sind text- und medienreflexive Zugänge für eine kritische Reflexion digitaler Texte und Kommunikationsformen unerlässlich, um z. B. fake news oder Manipulationen erkennen zu können.“

Britta Viebrock

In welcher Phase – Entwicklung, Erprobung oder Evaluation der Fortbildungen – befinden Sie sich zurzeit?

Britta Viebrock: Entwicklung, Erprobung und Evaluation der Fortbildungsmodule finden im Rahmen eines Design-Based-Research-Ansatzes in zyklischen Prozessen statt. Bisherige digitalisierungsbezogene Aus- und Fortbildungsangebote und -ressourcen (z. B. aus Vorarbeiten aus der QLB) werden systematisiert und in Zusammenarbeit mit den Akteur:innen und Multiplikator:innen anhand der spezifischen Bedarfe ergänzt, modular aufbereitet und auf ihre Transferierbarkeit an die jeweils anderen Projektstandorte sowie in weiteren Institutionen bzw. Kontexten der Lehrkräftefortbildung überprüft. Durch die Nutzung digital konzipierter Maßnahmen (z. B. über asynchron abrufbare Inhalte zusammen mit Möglichkeiten des synchronen Austausches in digital gestützten Netzwerken) wird die länderübergreifende Teilnahme für Lehrkräfte an Qualifizierungsangeboten erleichtert und die Zugänglichkeit zu vorhandenen Qualifizierungsmaßnahmen oder Ressourcen vereinfacht.

Wie werden Ihre Lern- und Fortbildungsformate in der Praxis erprobt?

Britta Viebrock: Als Formen der Kooperation und Professionalisierung auf der Mikroebene unterstützen insbesondere Professionelle Lerngemeinschaften (PLGs) das kollaborative Arbeiten und Lernen. Sie wirken als Motor für organisationsstrukturelle und fachliche Verbesserungen (Bonsen/Rolff 2006; Kansteiner 2016; Vescio/Adams 2015) und bilden das Bindeglied zu Multiplikator:innen der Landesinstitute, Schulämter und Medienzentren. Netzwerkbasierte Forschung baut dabei auf einer mehrperspektivisch angelegten formativen Erhebung auf. Design-Based Research (DBR) ermöglicht hier die systematische Verknüpfung praktischer Anwendungen im realen Bildungskontext mit empirischer Forschung und Implementierung auf Basis einschlägiger Daten (Fishman et al. 2013; McKenney/Reeves 2012; Reinmann 2014). In einem zyklischen Entwicklungsprozess werden theoretische Erkenntnisse und praxisbezogene Ergebnisse generiert.

Wie gelingt es Ihnen, die Produkte nachhaltig und für eine größere Zielgruppe zu sichern bzw. anzubieten?

Britta Viebrock: Nachhaltigkeit wird durch die Zusammenführung zentraler Akteursgruppen und Handlungsfelder in den digital gestützten NICs gesichert. Professionelle Handlungsfähigkeit, Verantwortungsübernahme und Kooperation der Beteiligten werden über die aktive Einbindung der Akteuer:innen in die theoretische und praktische Entwicklung, Evaluation und Verbesserung von Qualifizierungsmaßnahmen und ihre Zusammenführung in lokalen „lernenden“ Netzwerken gestärkt, die den digitalen Mediatisierungskontext umfassend berücksichtigt. Zudem werden die entwickelten Fortbildungsmodule sowohl regional als auch über die von der Transferstelle koordinierten übergreifenden Distributionswege digital zur Verfügung gestellt.

Prof. Dr. Britta Viebrock

Britta Viebrock ist Professorin für die Didaktik der englischen Sprache und Literatur an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Sie ist Studiendekanin im Fachbereich Neuere Philologien und Direktorin der Akademie für Bildungsforschung und Lehrkräftebildung (Aufgabenschwerpunkt: International Teacher Education). Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Lehrkräfteprofessionalisierung, Forschungsmethodologie und Forschungsethik, Unterrichtsvideografie, Content and Language Integrated Learning, Filme und Serien im Fremdsprachenunterricht, Aspekte von Multiliteralität.

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Biografie

Maren Gebhardt studierte Germanistik und Altphilologie an der Universität Tübingen (1. Staatsexamen 2001) sowie Kunsterziehung an der Bauhaus Universität Weimar (Erweiterung des 1. Staatsexamens 2004). Sie unterrichtete an Schulen (Referendariat) und Hochschulen (Jade Hochschule Wilhelmshaven, Universität Tübingen, Schiller-Universität Jena). In Kommunikationsagenturen gestaltete sie außerschulische Lernorte sowie Unterrichtsmedien konzeptionell und spezialisierte sich auf die Zielgruppe Lehrkräfte und Bildungsakteur:innen. Seit Mai 2023 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Forschung und Transfer zum Einsatz digitaler Medien in der Lehre am Leibniz-Institut für Wissensmedien und in der lernen:digital Transferstelle im Bereich der Wissenschaftskommunikation tätig. Dort ist sie Teil des Redaktionsteams des Zukunftsraums.

Im Dialog mit …

Maren
Gebhardt

Mitarbeit Zukunftsraum | Handlungsfeld Wissenschaftskommunikation in der lernen:digital Transferstelle

Wie ist die Idee des Zukunftsraums entstanden und wie fügt sich das Angebot in den Kompetenzverbund lernen:digital ein?

Meine Kolleginnen Irina Brich und Gabriele Irle und ich haben für lernen:digital das Konzept für den Zukunftsraum entwickelt und bilden das Redaktionsteam des Zukunftsraums. Wir sind am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) ansässig. Dadurch profitieren wir von der Expertise aus der zukunftsgerichteten Forschung zu Bildungsthemen am IWM, die im Austausch mit Partner:innen aus der Bildungspraxis erfolgt. Wir haben „das Ohr am Gleis“ und ermöglichen vor diesem Hintergrund mit dem Zukunftsraum einen digitalen Ort, der einerseits thematisch von der Gegenwart zur Zukunft von Schule eine Brücke schlägt und der andererseits einen ko-konstruktiven Austausch mit der Praxis ermöglicht. Unser Angebot trägt zum Kompetenzverbund lernen:digital bei, indem wir Ideen mit großem gestalterischen Potenzial – sowohl aus den Kompetenzzentren als auch darüber hinaus – eine Bühne geben.

Daher gibt es im Zukunftsraum auf lernen.digital zwei Bereiche: Hinter unseren Themen-Türen beleuchten wir in Gastbeiträgen und Interviews praxisnahe Zukunftsideen für den Bildungsbereich. Mit der Möglichkeit Fragen einzusenden kann die Community über die Webseite in den Dialog kommen. Mit diesem Angebot wollen wir alle Bildungsakteur:innen und insbesondere Lehrkräfte neugierig darauf machen, wie sich Schule in einer Kultur der Digitalität entwickeln kann und ihnen die Möglichkeit geben, selbst Impulse einzubringen.

Mit welchen Themen und Konzepten befasst sich der Zukunftsraum?

Im Zukunftsraum greifen wir Herausforderungen im heutigen Schulsystem auf und stellen Ansätze vor, die diesen begegnen. Wir fragen in den lernen:digital Projektverbünden, in der Praxis und in der Community, wie Lehrkräfte den verschiedenen Lernausgangslagen der Schüler:innen gerecht werden können, wie die Motivation der Lernenden entfacht werden kann und wie man in der Schule eine systemische Transformation anstoßen kann. Bei der Themensetzung orientieren wir uns nicht an Technologien, sondern am Anspruch, Kindern und Jugendlichen Teilhabe an einer Kultur der Digitalität zu ermöglichen.

Die Community setzt außerdem über ihre Fragen an die digitale Zukunft von Schule eigene Themen. Wir möchten dazu ermutigen, Zukunft nicht passiv hinzunehmen, sondern sie über Fragen und Antwortsuche aktiv zu gestalten.

Wie können Interessierte am Zukunftsraum mitwirken?

Im Zukunftsraum ist Platz für Fragen aus der Community und die Antworten von Expert:innen reserviert: Fragen können über das Fragenformular auf der Webseite direkt an uns geschickt werden. Wir machen uns daraufhin auf die Suche nach Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis, die Antworten geben können. Darüber hinaus wird es zukünftig einige lernen:digital Community Calls geben, die vom Zukunftsraum mitgestaltet werden, in denen das Publikum mit Expert:innen in den Austausch gehen kann.

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Interview mit Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz. Redaktion: Michaela Achenbach, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Schulentwicklung – Digitalisierung – Demokratieförderung – diese drei Themen bilden den Rahmen Ihrer Arbeit im Projektverbund SchuDiDe. Warum haben Sie diesen Zusammenhang in den Fokus gerückt?

Ralf Koerrenz: Digitalisierung ist ein Wandlungsprozess, der das Verhältnis von Schule und Gesellschaft grundsätzlich verändert. Das Lernen von Kindern und Jugendlichen wird durch Smartphones, Social Media und KI als außerschulischen Erziehungsmächten mitgesteuert. Diese stellen das Handeln in der Schule und durch die Schule in einer neuen Qualität auf den Prüfstand.

Die Veränderung von Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspannen durch Tempo und Reizintensität von digitalen Medien und die Entgrenzung unseres hirnphysiologischen Belohnungssystems (z. B. mit Blick auf das Aushalten von Unlust, auf den Belohnungsaufschub in komplexeren und langwierigeren Lernprozessen etc.) ist ein markanter Punkt.

Ein anderer bezieht sich auf die digitalen Lebenswelten von Schüler:innen, die durch die Omnipräsenz von Smartphones und darauf genutzten Apps als wirkmächtige Normalität Einzug in den schulischen Alltag gehalten haben.

Dies sind nur zwei Hintergründe, die soziale Phänomene wie den Umgang mit Fake News oder die Kommunikation in virtuellen Räumen als explizit schulische Herausforderungen markieren. Denn: Wenn wir Schule als einen sozialen Raum verstehen, der auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft vorbereiten soll und somit mittelbar auf diese Gesellschaft wirkt, bekommt die Wirkmacht von digitalbasierten Mit-„Erziehern“ eine besondere Brisanz. Die digitale Schulentwicklung nimmt deswegen auch die Förderung der pluralitätsoffenen und zugleich wertebasierten Persönlichkeitsentwicklung in einer vielfältigen, demokratischen Gesellschaft in den Blick.

Und was genau ist das Ziel ihres Vorhabens?

Ralf Koerrenz: Die Gestaltung von Schule als Institution auf der Makroebene, von schulischer Alltagspraxis aller Beteiligten auf der Mesoebene und des Unterrichts auf der Mikroebene verlangt im Zuge der Digitalisierung mit Blick auf ein demokratisches Zusammenleben nach einer Neujustierung. Hierzu wollen wir in einer Art Baukasten-System in enger Kooperation mit den beteiligten Schulen exemplarische Fortbildungsformate bereitstellen, die die Aufmerksamkeit auf den systemischen Zusammenhang von Digitalisierung und Demokratieförderung in der Schulentwicklung richten.

Ein solches Anliegen führt auf der Makroebene dazu, dass rechtliche und ethische Rahmenbedingungen der digitalen Schulentwicklung aufbereitet werden. Weiterhin soll die Digitalisierung auf der Mesoebene – etwa mit Blick auf partizipative Entscheidungsstrukturen oder interkulturelle Kooperationen – so fruchtbar gemacht werden, dass Schulen Demokratie durch Formate und Angebote erlebbar machen können und im besten Fall selbst Erfahrungsräume der Demokratie werden. Auf der Mikroebene geht es darum, digitale Entwicklungen in die Unterrichts- und Prüfungskonzeption partizipativ einzubeziehen.

Alles in allem wird Demokratieförderung in der Schule durch die Digitalisierung noch stärker als zuvor als eine Werkstatt sichtbar, die – vielleicht auch mithilfe unserer Angebote – von der jeweiligen Einzelschule gestaltet werden muss.

„Alles in allem wird Demokratieförderung in der Schule durch die Digitalisierung noch stärker als zuvor als eine Werkstatt sichtbar, die von der jeweiligen Einzelschule gestaltet werden muss.“

Ralf Koerrenz

Wo liegt Ihrer Meinung nach der besondere Nutzen einer digitalen Schulentwicklung in Sachen Demokratieförderung?

Ralf Koerrenz: Bereits im frühen Kindesalter wird unsere Alltagskultur oftmals durch die Normalität digitaler Mediennutzung geformt. Demokratieförderung in der und durch die Schule wird dadurch in einer neuen Weise herausgefordert. Ein Bewusstsein dafür, dass unsere Vorstellungen eines pluralitätsoffenen, zugleich aber im Sinne des Grundgesetzes wertebasierten Miteinanders durch die Form und Inhalte digitaler Medien hinterfragt und teilweise angegriffen werden, ist ein erster Realitätsgewinn, wenn wir Schule heute nüchtern betrachten wollen.

Fake News, fundamentalistische Weltdeutungsmuster und eine neue Qualität der Selbstkonstruktion über Konsum und zahlreiche Identifizierungsangebote sind nur drei Aspekte, die ganz wesentlich digital in den Alltag der Schüler:innen eingewoben sind.

Den Umgang mit der Realität von Digitalisierung über eine Optimierung von technischen Anwendungen und der Entwicklung von neuen Kreativitätsformaten in Lehr-Lern-Prozessen – um nur zwei Aspekte zu nennen – hinaus um die gesellschaftspolitische Dimension zu erweitern, macht digitale Schulentwicklung realistischer und alltagsnäher.

Der schulische Alltag wirkt für Lernende und Lehrende mit Blick auf die Steuerungsprozesse von und Einflussfaktoren auf Lernen oft undurchsichtig und konfus. Diese Undurchsichtigkeit produziert eine eigene Form von Stress und führt zu einer zusätzlichen Überforderung – beispielsweise mit Blick auf die Gestaltungsaufgaben politischer Bildung. Insofern kann ein Bewusstsein für die digitalen Mit-„Erzieher“ gerade mit Blick auf demokratisches Lernen für etwas Aufklärung über den Alltag sorgen.

Und wie verhalten sich Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Perspektive zueinander?

Ralf Koerrenz: Schule kann nicht direkt und unmittelbar die Gesellschaft prägen, ist durch ihre Verantwortung für das Lernen von Heranwachsenden in den verschiedenen Ausdrucksformen schulischen Handelns – vom Verhalten der Lehrenden über die Lerninhalte bis hin zu sozialräumlichen und materialräumlichen Arrangements – jedoch keineswegs bedeutungslos.

Bestenfalls kann digitale Schulentwicklung durch die Anerkennung dieser Situation den Raum für schulinterne Aushandlungsprozesse zu Maßnahmen der Demokratieförderung im Horizont der Digitalität schaffen. Unsere Materialien und Fortbildungsangebote sollen hierfür Impulse bereitstellen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen den fünf beteiligten Universitäten im Projektverbund?

Ralf Koerrenz: Unser Netzwerk hat ein gemeinsames Anliegen, aber eine zugleich koordinierte und heterogene Binnenstruktur. Uns verbindet der Anspruch, Demokratieförderung und Digitalisierung in einer Art Laboratorium in verschiedenen Fortbildungsformaten zu gestalten. Darüber tauschen wir uns regelmäßig präsentisch und digital aus. Für den Herbst 2024 ist eine Klausurtagung in einer der Partnerschulen angedacht. In der Binnenstruktur ist unser Verbund in fünf Tandems organisiert, die einen speziellen thematischen Austausch pflegen. Den thematischen Aufbau und die Struktur des Verbundprojektes kann man am besten in einer grafischen Darstellung nachvollziehen.

Kooperieren Sie auch mit anderen Projektverbünden und Beteiligten im Kompetenzzentrum Schulentwicklung?

Ralf Koerrenz: Die Kooperation mit anderen Akteuren aus dem Gesamtprojekt Digitale Schulentwicklung ist bei uns über Einzelaktivitäten der Teilprojekte organisiert. Innerhalb unseres Kompetenzzentrums hat es unter anderem Kooperationen mit einem anderen Verbund bei einer Zeitschriften-Publikation gegeben. Darüber hinaus gibt es Vernetzungen beispielsweise in das Kompetenzzentrum Musik/Kunst/Sport mit Blick auf das Thema „Künstliche Intelligenz“. Und durch die große Tagung „Digitale Transformation für Schule und Lehrkräftebildung gestalten“ in Potsdam werden sicher noch weitere Kooperationen entstehen. 

Was werden die Lehrkräfte in den Fortbildungen lernen, die Sie zurzeit entwickeln?

Ralf Koerrenz: Hier möchte ich zwei Ebenen unterscheiden.

Zum einen geht es uns – wie auch anderen Verbünden – darum, digitale Schulentwicklung als eine gesellschaftliche Herausforderung zu verstehen. Bei allem Nutzen der Einführung und Optimierung von Digitalisierung als ein Set von Techniken sind Lehrkräfte mit den Folgeerscheinungen der alle Lebensbereiche beeinflussenden Digitalnutzung der einzelnen Schüler:innen konfrontiert. Die Lehrkräfte können unseren Angeboten – quasi als eine Art Leitfaden – eine Wertschätzung der sozialen Dimension digitaler Schulentwicklung entnehmen: als Impuls für die immer nur konkret vor Ort zu definierenden Herausforderungen und für die entsprechenden Strategien und Haltungen zu deren Bewältigung.

Zum anderen geht es uns um ganz konkrete Angebote, diese Gestaltungsaufgaben vor Ort zu unterstützen, zu inspirieren und zu motivieren. Zu diesen Angeboten gehören rechtliche und ethische Orientierungen z. B. für Schulkonferenzen, aber auch Fortbildungsformate zur Radikalisierungsprävention. Es geht bei uns außerdem um Fortbildungen zu globalen Netzwerken und zu digitalen Projekttagen. Weitere Angebote beziehen sich auf neue Formen der Partizipation von Schüler:innen an der Schulkultur, auf kollegiale Unterrichtsentwicklung oder auch auf Auswirkungen und Potenziale textgenerierender KI in der Schule. Unsere Angebote sind vielfältig, wie auch demokratisches Lernen nur im Plural, in einer orientierenden Vielfalt gedacht werden kann. Verbunden sind alle Angebote in der Überzeugung, dass Schulentwicklung auch die gesellschaftliche Dimension der Digitalisierung mit in den Blick nehmen sollte – weil sie den Alltag aller an der Schule Beteiligten mitbestimmt.

„Uns geht es um ganz konkrete Angebote, diese Gestaltungsaufgaben vor Ort zu unterstützen, zu inspirieren und zu motivieren. Zu diesen Angeboten gehören rechtliche und ethische Orientierungen z. B. für Schulkonferenzen, aber auch Fortbildungsformate zur Radikalisierungsprävention.“

Ralf Koerrenz

In welcher Phase – Entwicklung, Erprobung oder Evaluation der Fortbildungen – befinden Sie sich zurzeit?

Ralf Koerrenz: Das ist von Teilprojekt zu Teilprojekt unterschiedlich.

Diejenigen Projekte, die in Abstimmung mit den Partnerschulen Projekte für die Praxis entwickeln bzw. entwickelt haben, befinden sich jetzt in oder kurz vor den entsprechenden Erprobungsphasen.

Einige Projekte folgen dem Ansatz, die Weiterbildung mit Teams aus einem Schulnetzwerk „von unten“ zu entwickeln. Diese haben jetzt die Vorbereitungen abgeschlossen, um im nächsten Schuljahr die Fortbildungen kooperativ zu entwickeln. Ein solch alltagspraxisbasiertes Vorgehen folgt anderen Rhythmen.

Wie werden ihre Lern- und Fortbildungsformate in der Praxis erprobt?

Ralf Koerrenz: Auch das ist von Teilprojekt zu Teilprojekt unterschiedlich. Je nach Prozesskonzeption werden schon jetzt bestimmte Formate im Austausch mit den beteiligten Schulen getestet.

Andere Angebote zeichnen sich dadurch aus, dass sie erst im Laufe des kommenden Schuljahres mit Akteuren aus der Praxis erarbeitet werden – als „Best-Practice“-Modelle für andere Schulen.

Wie gelingt es Ihnen, Ihre Produkte nachhaltig und für eine größere Zielgruppe zu sichern?

Ralf Koerrenz: Wir werden den Transfer der digitalen Materialien und Maßnahmen durch Bereitstellung der Produkte auf zentralen digitalen Plattformen sowie OA- und OER-Veröffentlichungen für eine größere Zielgruppe zu sichern versuchen. Was davon wie genutzt wird, liegt natürlich im Wesentlichen in der Entscheidungshoheit der Bundesländer. Dabei soll die Implementierung durch Kooperation mit Partnern in allen Phasen der Lehrkräftebildung sowie Kultus- und Landesministerien unterstützt werden.

Ergänzend soll die Vorstellung der Forschungs- und Entwicklungsergebnisse in der wissenschaftlichen Community nicht nur die (kritische) Auseinandersetzung und Weiterentwicklung der digitalen Maßnahmen und Materialien ermöglichen, sondern auch weitere Verbreitungs- und Vernetzungsmöglichkeiten eröffnen.

„Wir werden den Transfer der digitalen Materialien und Maßnahmen durch Bereitstellung der Produkte auf zentralen digitalen Plattformen sowie OA- und OER-Veröffentlichungen für eine größere Zielgruppe zu sichern versuchen.“

Ralf Koerrenz

Im Verbund SchuDiDe konzipieren Sie ein länderübergreifendes Forum. Welcher Impuls soll davon ausgehen?

Ralf Koerrenz: Ausgehend von den am Verbund beteiligten Personen aus fünf Bundesländern werden wir das Forum im Laufe des kommenden Schuljahrs zunächst digital konzipieren. Mit dem Forum soll das Thema „Digitalisierung – Schule – Demokratie“ sichtbar gemacht werden. Zu unseren nächsten Aufgaben in diesem Bereich wird es gehören, Möglichkeiten der Vernetzung mit zivilgesellschaftlichen Akteuren auszuloten.

Parallel hierzu werden wir von Jena ausgehend das Thema mit der Organisation von Fachtagungen zu unterstützen versuchen. Bei alledem werden wir immer zu prüfen haben, wie unsere Vorstellungen zu „Digitalisierung – Schule – Demokratie“ mit den gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt halten können. Denn die Entwicklungen unseres demokratischen Zusammenlebens sind notwendig dynamisch und in einer spezifischen Weise offen – das gehört nun einmal zur Eigenheit von Demokratie untrennbar hinzu, auch mit Blick auf die Auseinandersetzung mit bestimmten Gefährdungen.

Klar ist bei alledem jedoch, dass Digitalisierung einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung von Demokratie hat – und Schule als eine gesellschaftlich definierte Institution davon (bewusst oder unbewusst) stark geprägt ist. Zu einem kritisch-konstruktiven Umgang mit dieser Situation möchte unser Verbund auf den schon genannten Ebenen Bausteine in Form von Fortbildungsangeboten beisteuern.

Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz

Ralf Koerrenz ist Professor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und arbeitet dort an dem von ihm mitgegründeten Institut für Bildung und Kultur. Mit seinem Team hat er die allgemeinpädagogische Konzeption der Kritisch-Operativen Pädagogik (KOP) entwickelt, die über ein Verständnis pädagogischen Handelns (Lernsteuerung und Wahrnehmungsinszenierung) sowie einem Verständnis von Kritik als Unterscheidung (Analytik) und Entscheidung (Pragmatik) auch einen neuen Rahmen für empirische Forschungsdesigns bereithält.

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Interview mit Prof. Dr Christian Reintjes. Redaktion: Petra Schraml, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Der Projektverbund DigiSchuKuMPK möchte die „Ganztagsgrundschulen der Zukunft“ mitgestalten. Was heißt das konkret?

Christian Reintjes: Die Gesellschaft ist in einem starken Wandel begriffen und das gilt natürlich auch für die Grundschulen. Nicht nur hinsichtlich der zunehmenden Diversität innerhalb der Schüler:innenschaft und der voranschreitenden Digitalisierung, sondern vor allem auch hinsichtlich der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung im Jahr 2026. Im Zentrum des Verbundprojektes DigiSchuKuMPK steht deswegen eine personale Strategie, nach der das gesamte pädagogische Personal an Ganztagsgrundschulen für eine ganzheitliche Schul- und Unterrichtsentwicklung mit den Schwerpunkten Inklusion und Ganztag professionalisiert werden soll. Dafür entwickeln wir in ko-konstruktiver Zusammenarbeit mit Akteur:innen aus 30 beteiligten Projektschulen Professionalisierungsbausteine. Es wird dabei auch berücksichtigt, wie digitale Medien für eine kooperative und professionsübergreifende Professionalisierung gewinnbringend eingesetzt werden können.

Für die Entwicklung der Professionalisierungsbausteine haben Sie vier Communities of Practice (CoPs) gebildet. Welche Schwerpunkte haben diese?

Christian Reintjes: In der CoP 1 Heterogenitätssensible Kooperationsentwicklung wird eine auf der Schüler:innenperspektive basierende inklusive Schulkulturentwicklung angeregt, die die Lehrkräfte und das gesamte pädagogische Personal auch des Ganztags einbezieht. Digitale Tools unterstützen diesen Prozess und werden gemeinsam von den Projektschulen und dem Wissenschaftler:innenteam erprobt und weiterentwickelt.

CoP 2 legt hingegen den Schwerpunkt auf die Unterstützung ressourcen- und sozialraumorientierter Schulentwicklungsprozesse in den Projektschulen. Dabei ist es das Ziel, gemeinsam ein neues digitales Tool zu entwickeln und zu erproben, welches der Sensibilisierung aller Akteur:innen in Schule für die (super)diversen Voraussetzungen der je eigenen Schülerschaft dient.

Und worum geht es in CoP 3 und 4?

Christian Reintjes: CoP 3 will an den kooperierenden Schulen Kapazitäten für eine „Datenbasierte Schulentwicklung“ aufbauen. Im Fokus steht die kollaborative Entwicklung und Nutzung digitaler Tools. Innovativ ist, dass zum Data Team neben den Lehrkräften und Schulleitungen auch das pädagogische Personal des Ganztags gehört, damit partizipative multiprofessionelle Schulentwicklungsarbeit betrieben werden kann.

 

CoP 4 hat zum Ziel, ein digitales Angebot zu entwickeln, das Schulen dabei hilft, sich eine Schulkultur des selbstregulierten Lernens (SRL) zu eigen zu machen. Erfahrungen aus vorangegangenen Ganztagsschulentwicklungsprojekten wie „Ganz In“ zeigen, dass erfolgreiches und flächendeckendes SRL nicht allein durch Unterrichtsentwicklung umgesetzt wird, sondern dass die gesamte Schule ein ganzheitliches Konzept benötigt und im Prozess der Entwicklung und Implementierung begleitet werden sollte. Das gesamte pädagogische Personal muss demnach wissen, was SRL ist, welchen Benefit es mit sich bringt, wie man es bei Schüler:innen fördert und wie der Transfer in verschiedene Fächer, aber auch in den außerschulischen Lebensraum unterstützt werden kann (Stebner et al., 2022; Wirth et al., 2020).

„Innovativ ist, dass zum Data Team neben den Lehrkräften und Schulleitungen auch das pädagogische Personal des Ganztags gehört, damit partizipative multiprofessionelle Schulentwicklungsarbeit betrieben werden kann. “

Christian Reintjes

An dem Projekt sind fünf Universitäten in drei verschiedenen Bundesländern beteiligt, dazu kommen 30 Projekt-Grundschulen, die Verbundkoordination und die Zusammenarbeit mit den Broker:innen. Wie sehen die Arbeitsprozesse innerhalb und zwischen den CoPs aus?

Christian Reintjes: CoP-interne Kooperations- und Kommunikationsstrukturen wurden von Projektbeginn an implementiert. Es finden regelmäßig digitale und Präsenztreffen auf Mitarbeitendenebene sowie mehrtägige Klausurtagungen statt, in denen standortübergreifende Schwerpunkte abgesprochen werden. Kern der gemeinsamen Arbeit zwischen den beteiligten Wissenschaftler:innen und den Schulen sind Entwicklungswerkstätten mit den je unterschiedlichen Schwerpunkten der COPs. Auf der Grundlage dieser gemeinsamen Erfahrungen werden später die Fortbildungsmodule entwickelt und frei zur Verfügung gestellt.

Natürlich entstehen auch zwischen den CoPs Synergien, z. B. durch regelmäßige Treffen der DigiSchukuMPK-Steuerungsgruppe, in die auch die Broker:innen involviert sind, sowie durch gemeinsame thematische Workshops, aber auch durch die Vorbereitung gemeinsamer Publikationen oder Symposien auf Fachtagungen. Drei Mitarbeitende kümmern sich zusätzlich um die Koordination und Evaluation und pflegen die Homepage und die Social-Media-Kanäle, über die die CoPs ihre Vorstellungen und Ziele einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Können Sie Beispiele für die Produkte nennen, die in den Entwicklungswerkstätten der vier CoPs entstehen werden?

Christian Reintjes: Es entstehen ganz unterschiedliche digitale bzw. digitalisierungsbezogene Prototypen, die Schulentwicklung und multiprofessionelle Kooperation unterstützen. Sie sind auf die Bedarfe der einzelnen Schulen angepasst, deshalb führen wir anfangs an allen 30 Projektschulen eine Ausgangserhebung durch. Wir wollen zunächst herausfinden, vor welchen Problemen und Herausforderungen sie stehen und inwiefern multiprofessionelle Schulkulturentwicklung unterstützend wirken kann. Gemeinsam mit einer Schule, der es um datengestützte Schulentwicklung geht, entwickeln wir beispielsweise eine App, eine Art Dashboard, an der Schulleitungen, das pädagogische Personal, die Lehrkräfte, vielleicht auch die Eltern gemeinsam partizipieren können, um sich so besser auf strategische Schulentwicklungsziele konzentrieren zu können. Zusammen mit einer anderen Schule entwickeln und erproben wir Fortbildungsangebote, die das gesamte pädagogische Personal im Bereich des selbstregulierten Lernens schult. Wichtig ist uns immer, dass die Produkte in den Entwicklungswerkstätten mit allen an Schulen Beteiligten konzipiert, entwickelt, erprobt und evaluiert werden.

„Wichtig ist uns immer, dass die Produkte in den Entwicklungswerkstätten mit allen an Schulen Beteiligten konzipiert, entwickelt, erprobt und evaluiert werden.“

Christian Reintjes

In welcher Phase des Projekts befinden Sie sich zurzeit?

Christian Reintjes: Aktuell haben wir teils mit einigen Schulen die Entwicklungswerkstätten bereits vorbereitet und für das kommende Schuljahr terminiert, mit anderen bereiten wir den ersten Kickoff vor. Zugleich werden Ausgangserhebung und formative Evaluation der Entwicklungswerkstätten ausgearbeitet. Mit den Ausgangserhebungen ‒ leitfadengestützte Interviews ‒ wollen wir in Erfahrung bringen, mit welchen Zielen und aus welchen Gründen sich die Schulen an unserem Projekt beteiligen, wo sie Chancen für ihre Schulentwicklung sehen, wie sie zum Thema Digitalisierung stehen, wie bei ihnen bisher gelebte Kooperation aussieht und wie ihr Ganztag gestaltet ist.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht? Was läuft gut, wo liegen Schwierigkeiten?

Christian Reintjes: Im Verbundprojekt haben wir ein vielseitiges Team in allen Teilprojekten zusammengestellt, das sowohl standort- als auch CoP-übergreifend hervorragend zusammenarbeitet. Viele meiner Kolleg:innen auf professoraler Ebene kenne ich schon seit Jahren, die Zusammenarbeit und Kommunikation mit ihnen funktioniert exzellent. Diese positive Dynamik überträgt sich natürlich auch auf das gesamte wissenschaftliche Personal, das eng in unsere Arbeit eingebunden ist. Die harmonische Atmosphäre legt bereits einen bedeutenden Grundstein für das Gelingen des Projektes, auch die Arbeiten laufen passgenau und zeitplangemäß ab. Was uns Schwierigkeiten bereitete, war die Schulakquise. Bei den vielfältigen Herausforderungen, die gegenwärtig in Schulen zu bearbeiten sind, ist es natürlich verständlich, dass einige Schulen zunächst zurückhaltend reagiert haben. Sie wollten genau wissen, wie groß der Arbeitsaufwand ist und was am Ende der Benefit für sie ist.

Wie werden die Produkte nach Projektende auch anderen Ganztagsgrundschulen zur Verfügung gestellt?

Christian Reintjes: Wenn wir die Konzepte mit unseren Projektschulen entwickelt und erprobt haben, wollen wir gemeinsam mit Expert:innen der Lehrerfortbildung in den Landessinstituten überlegen, wie wir aus diesen prototypischen Produkten eine sinnvolle Disseminationsstrategie entwickeln. Geplant ist, die entstandenen Produkte beispielsweise in Form von Open Educational Resources (OER) in einer Datenbank anzubieten, so dass jede interessierte Schule darauf zugreifen kann. Denkbar ist auch, die Materialien in bereits bestehende Fortbildungsplattformen zu integrieren. Wichtig ist uns immer, die Materialien, Apps und Produkte allen Interessierten barrierefrei zur Verfügung zu stellen, damit möglichst viele Grundschulen davon profitieren können.

Prof. Dr. Christian Reintjes
Christian Reintjes ist Professor für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt empirische Schul- und Unterrichtsforschung an der Universität Osnabrück. Charakteristisch für seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte ist eine hohe Affinität zur Politikberatung (u. a. als Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission, SWK) sowie der Anspruch, wissenschaftliche Erkenntnisse in die (Bildungs-) Praxis sowie die Bildungspolitik zu transferieren. Seit Mitte 2023 ist er als Verbund- bzw. Standortkoordinator in zwei vom BMBF geförderten Kompetenzzentren für digitales und digital gestütztes Unterrichten in Schule und Weiterbildung involviert (DigiSchuKuMPK & DigiProSMK) Zugleich ist er als gewählter Sprecher des Kompetenzzentrums Schulentwicklung Mitglied des Begleitgremiums des Kompetenzverbund lernen:digital.
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Interview mit Prof. Dr Matthias Wilde und Prof. Dr. Stefanie Schwedler. Redaktion: Petra Schraml, DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Sie entwickeln im Projektverbund LFB-Labs-digital Lehrkräftefortbildungen für digital gestützten Unterricht im MINT-Bereich. Welche Institutionen bzw. Personen sind an dem Projektverbund beteiligt und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Stefanie Schwedler: Im Projektverbund LFB-Labs-digital sind wir ein Team aus MINT-Fachdidaktiker:innen, Bildungswissenschaftler:innen, Medienpädagog:innen und IT-Expert:innen. Insgesamt beinhaltet unser Projektverbund 14 Teilprojekte über acht Standorte in Deutschland verteilt, eine Steuerungsgruppe und einen Implementierungsbeirat.

Matthias Wilde: Der Austausch ist sehr intensiv. Wir treffen uns mindestens einmal im Monat zu einem Jour fixe, innerhalb der einzelnen Ebenen gibt es viele zusätzliche Treffen. Zum ersten Mal kamen wir im Juni 2023 zu einer zweitägigen Klausur zusammen. Zu dem Zeitpunkt waren wir schon 37 Personen, obwohl noch nicht alle Stellen besetzt waren.

Stefanie Schwedler: Wir haben dieses Treffen als sehr wertvoll erlebt. Gemeinsam über die Wahl der Erhebungsinstrumente und die konzeptionelle Ausrichtung der verschiedenen Fortbildungen des Projektverbunds nachzudenken, hat uns als Team zusammengeschweißt.

Kooperieren Sie auch mit anderen Projektverbünden und Beteiligten aus dem Kompetenzzentrum MINT?

Matthias Wilde: Ja, es gibt regelmäßige Treffen mit Lara Halbrock, der Leiterin des Broker:innen-Teams aus unserem Kompetenzzentrum. Oft nimmt sie auch an unserem Jour fixe teil. Und auch mit den übrigen Projektverbünden des Kompetenzzentrums MINT sind wir im Gespräch. Dadurch, dass einige unserer Kolleg:innen auch an ComMINT beteiligt sind, haben wir einen engen Austausch mit diesem Projektverbund. Zudem haben wir sehr engen Kontakt mit der Transferstelle Bielefeld Bildung digital (TraBBi_digital), die ebenfalls mit ComMINT, aber auch mit ComArts und ComSport verbunden ist.

Was werden die Lehrkräfte in den Fortbildungen lernen, die Sie zurzeit entwickeln?

Stefanie Schwedler: Wir entwickeln strukturell und didaktisch sehr anspruchsvolle transferstarke Lehrkräftefortbildungen im Bereich der digitalen Kompetenzen im MINT-Unterricht über sieben verschiedene MINT-Disziplinen hinweg – in der Mathematik, der Robotik, im Sachunterricht (dazu gehört der Bereich Technik), in der Chemie, der Physik, der Biologie und der Biotechnologie. Die Fortbildungen sind für Lehrkräfte von allen allgemeinbildenden Schulformen geeignet. Uns ist wichtig, dass die Lehrkräfte in den Fortbildungen nicht nur digitale Tools kennenlernen, sondern auch technische, pädagogische und fachliche Kompetenzen erwerben, damit sie sie sinnstiftend im eigenen Unterricht einsetzen und anwenden können. Die Lehrkräftefortbildungen sind deshalb häufig projektorientierte Formate, in denen die Lehrkräfte selbst kleine Settings entwickeln und darüber reflektieren, wie der Transfer in den Unterricht gelingen kann.

„Uns ist wichtig, dass die Lehrkräfte in den Fortbildungen nicht nur digitale Tools kennenlernen, sondern auch technische, pädagogische und fachliche Kompetenzen erwerben, damit sie sie sinnstiftend im eigenen Unterricht einsetzen und anwenden können.“

Stefanie Schwedler

Können Sie ein Beispiel nennen?

Stefanie Schwedler: Jedes Fach fokussiert andere digitale Tools in seinen Fortbildungen. Ich arbeite in der Chemie mit Moleküldynamik-Simulationen, die helfen, das dynamische Verhalten großer Teilchenmengen zu verstehen. Es gibt aber auch Fortbildungen zu phylogenetischer Software oder zu interaktiven Experimentiervideos. In unserer Fortbildung erarbeiten wir mit den Lehrkräften die Grundlagen zum Lernen mit Moleküldynamik-Simulationen, also zum Beispiel, woran man eine gut gestaltete Simulation passend zu dem, was ich im Unterricht vorhabe, erkennt und wie man diese in einen sinnstiftenden Lernweg einbetten kann. Die Lehrkräfte entwickeln in multiprofessionellen Teams gemeinsam mit Wissenschaftler:innen und Student:innen ein Lernsetting für ihre Schüler:innen und überprüfen dann, wie die Schüler:innen das Lernsetting annehmen und wo Schwierigkeiten liegen. Direkt im Anschluss führen wir eine individuelle Reflexion mit jeder einzelnen Lehrkraft durch und überlegen am Ende mit allen Lehrkräften gemeinsam, was gut funktioniert hat, was nicht und wie der Transfer in den Unterricht gelingt. Wir erleben es als sehr wertvoll, dass die Lehrkräfte selber darüber nachdenken, wie sie das Tool gewinnbringend in ihren Unterricht einbinden.

Das heißt, die Lehrkräfte und Schüler:innen können ihre Erfahrungen aus dem Schul- und Unterrichtsalltag bei der Erprobung der Fortbildungen direkt mit einbringen?

Stefanie Schwedler: Ja, die Lehrkräfte bringen ganz viel Erfahrung und Expertise in die Fortbildungen mit ein. Umgekehrt können durch den engen Austausch die Erkenntnisse aus den Lehrkräftefortbildungen auch leichter in den Unterricht transferiert werden. Es hilft, wenn Lehrkräfte die Relevanz für ihren eigenen Unterricht erkennen. Dazu können die Lehrkräfte je nach Fortbildung sowohl fremde Lernsettings erproben und bewerten als auch neue Settings gestalten. Auch das Ausprobieren der Settings mit den Schüler:innen im Schüler:innenlabor oder im regulären Unterricht ist strategisch in unserer Fortbildung verankert. Das erleichtert den Transfer.

Schüler:innenlabore spielen in Ihrem Projekt eine zentrale Rolle. Was sind Schüler:innenlabore?

Matthias Wilde: Die Schüler:innenlabore – von den insgesamt acht Schüler:innenlaboren des Projekts sind die sieben sogenannte teutolabs hier in Bielefeld angesiedelt – dienen schon seit mehr als 20 Jahren als Mitmach- und Experimentierlabore der Förderung von Motivation und Interesse von Schüler:innen in den MINT-Fächern. Jährlich besuchen mehr als 25.000 Schüler:innen die teutolabs, in denen sie sich ausprobieren können. Die Vernetzung zwischen den Schulen und den Schüler:innenlaboren in der Region ist sehr intensiv. Die Schüler:innenlabore sind immer ausgebucht.

Stefanie Schwedler: Schüler:innenlabore sind außerschulische Lernorte, die fachnahe authentische Settings bieten und von den Lehrkräften für ihre Klasse stundenweise gebucht werden können. Das teutolab Chemie – das als ältestes von allen im Jahr 2000 von Prof. Dr. Katharina Kohse‐Höinghaus gegründet wurde – steht Schulklassen an drei Tagen in der Woche zur Verfügung. Alle teutolabs arbeiten eng zusammen.

 

„Jährlich besuchen mehr als 25.000 Schüler:innen die teutolabs, in denen sie sich ausprobieren können. Die Vernetzung zwischen den Schulen und den Schüler:innenlaboren in der Region ist sehr intensiv.“

Matthias Wilde

Wie kam der Gedanke auf, die Schüler:innenlabore für die Lehrerfortbildungen zu nutzen?

Stefanie Schwedler: Wir arbeiten mit den Schüler:innenlaboren schon länger auch in der Lehramtsausbildung zusammen. In der berufsfeldbezogenen Praxisstudie kommen unsere Studierende dann in die Schüler:innenlabore, bringen ihr digitales Know-how ein und sammeln zugleich Unterrichtserfahrung in einem geschützten Lernraum. Als wir überlegt haben, die Schüler:innenlabore in die Lehrkräftefortbildung einzubeziehen, hat insbesondere der Aspekt der Motivation und der Entwicklung von Interessen eine Rolle gespielt.

Matthias Wilde: In einer ganzen Reihe von Schüler:innenlaboren fanden auch immer schon Lehrkräftefortbildungen statt, insbesondere in der Coronazeit wurden in den Schüler:innenlaboren digitale Formate für den Unterricht entwickelt. Einige von unseren Teilprojekten konnten deshalb auf Vieles zurückgreifen, was in dieser Zeit entstanden ist. Andere arbeiten ganz neu mit den Tools.

Wie werden die Lehrerfortbildungen in den Schüler:innenlaboren entwickelt?

Stefanie Schwedler: Wir haben nicht nur einen Ansatz, sondern probieren verschiedene Möglichkeiten aus und untersuchen, wo die Vor- und Nachteile liegen und welche Gelingensbedingungen jeweils vorliegen. In meinem Projekt entwickeln die Lehrkräfte zunächst eigene Settings und probieren diese anschließend mit ihren Schüler:innen im Schüler:innenlabor aus. Es gibt aber auch Projekte, in denen die Lehrkräfte gemeinsam mit ihren Schüler:innen im Schüler:innenlabor schon vorhandene Best-Practice-Beispiele nutzen und darauf aufbauend Settings für den eigenen Unterricht erstellen. In wieder anderen Projekten lernen die Lehrkräfte im Schüler:innenlabor die Best-Practice-Beispiele überhaupt erst kennen. Entscheidend ist immer, dass wir mit oder an Best-Practice-Beispielen arbeiten und dann die digitalen Tools mit den Schüler:innen im Schüler:innenlabor oder in der Schule ausprobieren.

Das Projekt verläuft in drei Ebenen. Können Sie das Vorgehen und die Inhalte der einzelnen Ebenen erläutern?

Matthias Wilde: Die Ebene 1 ist die Schüler:innenlaborebene. Lehrkräfte, Leiter:innen der Schüler:innenlabore und die jeweiligen fachdidaktischen Forscher:innen befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten der Lernwirksamkeit der Lehrerfortbildungen. In der Ebene 2 untersuchen wir, wie sich Selbstwirksamkeit, Motivation und Interesse der Lehrkräfte in Bezug auf digitale Formate durch die Lehrerfortbildung verändern. Ein fächerübergreifendes Projekt befasst sich mit selbstreguliertem Lernen und untersucht erste Ergebnisse aus den Schüler:innenlaboren, eine andere Gruppe setzt sich mit Qualitätssicherungsmaßnahmen auseinander und versucht diese im Prozess zu erfassen. Da sich Ebene 2 mit den Gelingensbedingungen auseinandersetzt, finden regelmäßige Austausche zwischen Ebene 1 und 2 statt. Diese dienen dazu, die Entwicklungs- und iterativen Optimierungsprozesse, die in der Ebene 1 passieren, in der Ebene 2 zu dokumentieren. Die dritte Ebene befasst sich mit systemischen Fragen zu den Lehrkräftefortbildungen in den Schüler:innenlaboren, zum Beispiel welche Hard- und Software geeignet ist oder welche Angebote den Lernerfolg der Lehrkräfte und der Schüler:innen fördern bzw. hemmen. Es wird auch nach ISO-zertifizierten Standards für Lehrerfortbildungen geforscht und ein Musterqualitätshandbuch für Lehrerfortbildungen erstellt.

Stefanie Schwedler: Ein mediendidaktisches Projekt beschäftigt sich auch damit, was für eine Kultur der Digitalität sich insgesamt in dem Projekt entwickelt.

In welcher Phase des Projekts befinden Sie sich zurzeit – Entwicklung, Erprobung oder Evaluation der Fortbildungen?

Matthias Wilde: Wir haben den kompletten Zyklus schon einmal durchlaufen. Die Fortbildungen haben bis auf wenige Ausnahmen alle einmal stattgefunden, auch die meisten Evaluierungen sind abgeschlossen. Wir befinden uns jetzt in der ersten Auswertungsphase, teilweise auch in der ersten Optimierungsphase, um den zweiten Durchgang vorzubereiten. Wir werden alle Lehrkräftefortbildungen mindestens noch ein zweites Mal durchführen, bevor wir einen Endzustand für das Projekt erreicht haben, auf den wir unsere Abschlusspublikationen stützen werden. Außerdem haben wir bereits eine erste gemeinsame Publikation eingereicht, mit der wir die Projektidee in einem OER-Format über unsere Zeitschrift PraxisForschungLehrer:innenBildung zugänglich machen. Hier (oder auch in der Zeitschrift Die Materialwerkstatt) wollen wir auch weitere einzelne Fortbildungselemente der Lehrkräftefortbildungen online zur Verfügung stellen.

Wie werden die Fortbildungen nach Projektende den Lehrkräften zur Verfügung gestellt?

Stefanie Schwedler: Die Fortbildungen werden derzeit bei uns in den Schüler:innenlaboren angeboten, einzelne Fortbildungen auch direkt an den Schulen. Die Lehrkräfte können sich auf unserem Portal dafür anmelden, müssen von den Schulleitungen vorher aber das Einverständnis für ihre Teilnahme einholen. Eventuell werden einige Angebote auch über das Projektende hinaus bestehen bleiben, das ist noch nicht ganz klar.

Matthias Wilde: Über unser Lehrkräftefortbildungsprogramm BiConnected, das im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung eingerichtet worden ist, werden alle Fortbildungen beworben und organisiert. Jedes Semester entsteht ein ausführliches Programm für Lehrerfortbildungen, das von der Bielefeld School of Education koordiniert wird. Zudem hosten wir an der Universität Bielefeld neben den bereits genannten Zeitschriften eine Reihe weiterer OER-Journale (BieJournals) und das Bielefelder Portal zur Bildung von Lehrkräften (PortaBle). Insbesondere das PortaBle wurde explizit zur Nachnutzung unterrichtsbezogenen Materials konzipiert.

Prof. Dr. Matthias Wilde

Prof. Dr. Matthias Wilde ist seit über 18 Jahren Professor für Biologiedidaktik an der Universität Bielefeld. Er ist Direktor der Bielefeld School of Education und Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Didaktik der Biologie. Seine Hauptinteressen beinhalten neben der Digitalisierung des Naturwissenschaftsunterrichts, außerschulisches Lernen, Motivations- und Interessensforschung.

Prof. Dr. Stefanie Schwedler

Prof. Dr. Stefanie Schwedler ist seit 2022 Professorin für Didaktik der Chemie an der Universität Bielefeld. Sie hat in Physikalischer Chemie promoviert und war als Gymnasiallehrkraft tätig, bevor sie in Didaktik der Chemie habilitierte. In der Forschung interessiert sie sich für das Lernen mit Simulationen, den Studienstart im Fach Chemie sowie die Professionalisierung von Lehramtsstudierenden.