Frage #1

2. Mai 2024

Führen digitale Medien im Unterricht zu mehr sozialer Ungleichheit?

Frage eingesendet von:
Mara Mustermann – Lehrerin an der Sophie-Scholl-Realschule, Lübeck

Was ist der Digital Divide?

Als Digital Divide (dt. Digitale Kluft) bezeichnet die Forschung die Unterschiede, die sich in den Zugangsmöglichkeiten und Nutzungsgewohnheiten des Internets ausdrücken. Während einige Menschen täglich problemlos mit verschiedenen Geräten online sind, verfügen andere kaum über diese Möglichkeiten. Diese Kluft steigt mit dem Grad der Digitalisierung einer Gesellschaft, die immer weiter voranschreitet.

Auch im Bildungskontext kann der Digital Divide beobachtet werden. Schülerinnen und Schüler, die auf der betroffenen Seite der Kluft stehen, haben es meist schwerer, an digitalen Lehr- und Lernformaten zu partizipieren. Sie können nicht so selbstverständlich auf das Internet zugreifen wie andere, besitzen vielleicht keine eigenen Geräte oder haben zu Hause nicht die Möglichkeit, sich im digitalen Bereich auszuprobieren.

Besonders problematisch ist dabei, dass der Zugang zur Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien und diesbezügliche Kompetenz immer stärker die Möglichkeit zur politischen Teilhabe bestimmen. Darunter fallen auch grundlegende Fragen ökonomischer und sozialer Gerechtigkeit.

Wie drückt sich der Digital Divide aus?

Vom Digital Divide können Personen aller Altersklassen betroffen sein. Besonders als Lehrkraft ist es wichtig, den Digital Divide zu erkennen. Betroffene Schülerinnen und Schüler haben im Unterricht mit erschwerten Zugangsmöglichkeiten zu kämpfen, können nicht im gleichen Ausmaß partizipieren wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Um dieser Entwicklung vorzubeugen, ist es wichtig, das Phänomen Digital Divide besser zu verstehen. In der Regel wird der Digital Divide in vier Dimensionen erfasst:

  1. Materieller und physischer Zugang: Damit sind der Besitz von und die Zugangsmöglichkeiten zu digitalen Geräten gemeint. Dazu zählen auch der Zugang zu Software und die generelle Möglichkeit, das Internet zu nutzen.
  2. Motivation: Gemeint sind hier die Einstellungen und Werthaltungen gegenüber digitalen Medien. Wichtiger Bestandteil ist dabei das Motiv der Nutzung, also zur Unterhaltung, zur Weiterbildung, zum Arbeiten oder zum Austauschen.
  3. Nutzung: Diese Dimension beleuchtet die Dauer und Häufigkeit der Nutzung digitaler Medien. Darüber hinaus fragt die Nutzungs-Dimension nach der Diversität der Anwendungen, also Internetbrowser, Chats, Streaming-Dienste, E-Mail-Programme, usw.
  4. Digitale Kompetenzen: Damit ist ein kompetenter Umgang mit digitalen Medien gemeint, wie er beispielsweise im Rahmen der Studie ICILS 2018 mit den computer- und informationsbezogenen Kompetenzen gemessen wurde.

Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche nicht zwangsläufig besser mit digitalen Medien umgehen können, weil ihre Generation mit ihnen aufgewachsen ist. Die sogenannten Digital Natives mögen in vielen Fällen ein intuitiveres Verständnis für digitale Medien besitzen – der Digital Divide verdeutlicht jedoch, dass diese Annahme auch eine falsche Selbstverständlichkeit beinhaltet.

Wie kann ich als Lehrkraft in der Praxis mit dem Digital Divide umgehen?

Digitale Medien in den Unterricht zu integrieren, führt nicht per se zu sozialer Ungleichheit. Verfügen alle Schülerinnen und Schüler über die gleichen Zugangsmöglichkeiten, kann digital gestalteter Unterricht Diversität fördern und zu Teilhabe motivieren. Wo diese Zugangsmöglichkeiten nicht gleich sind, kann die Schule ein ausgleichender Raum sein, der durch mediale Bildung und das Bereitstellen von Geräten Chancengleichheit fördert.

Zunächst ist es wichtig, dass die Schule eine Mediengrundbildung für alle bietet. Diese sollte sicherstellen, dass alle Menschen an der Schule Zugang zu digitalen Medien haben und dort unterstützen, wo es vielleicht nicht funktioniert. Lehrkräfte sollten regelmäßig an Schulungen teilnehmen, um Entwicklungen von digitalen Medien zu verfolgen und so schneller zu bemerken, wenn in ihrem fachlichen Umfeld eine digitale Kluft entsteht. Schiefner-Rohs (2023) empfiehlt, ein ganzheitliches Konzept in der Schule zu etablieren, das auf die Bedürfnisse aller Rücksicht nimmt. Ein solches Konzept sollte gemeinsam von Lehrkräften, Schulleitung und Verwaltung, Schulsozialarbeit und Schülerinnen und Schülern erarbeitet werden.

Vertiefung

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