Im Dialog mit … Fabian Rösch

Biografie

Fabian Rösch studierte in Jena und Chambéry Germanistische Literaturwissenschaft, Volkskunde/Kulturgeschichte, Mittellatein und Mittelalterliche Geschichte, worin er nach einem Magisterabschluss in Gießen promoviert hat. Nebenbei arbeitete er u. a. an der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, in der Archäobotanik und der Pharmaindustrie. Ein Lehramtsstudium in Deutsch, Geschichte und Latein folgte in Frankfurt am Main. Das Referendariat absolvierte er an einer Thüringischen Gesamtschule. Er unterrichtete an einer Brandenburgischen Oberschule und einem Gymnasium mit MINT-Schwerpunkt. Seit Juli 2023 ist Fabian Rösch in der lernen:digital Transferstelle für die Vernetzung von Multiplikator:innen zuständig.

 

Im Dialog mit …

Dr. Fabian Rösch

Mitarbeit Handlungsfeld Transfer in der lernen:digital Transferstelle

An wen richtet sich das digitale Austauschformat Boxenstopp und was macht die Veranstaltungsreihe aus?

Boxenstopp etabliert eine dynamische Plattform, die speziell darauf ausgerichtet ist, den Austausch zwischen den Akteur:innen der dritten Phase der Lehrkräftebildung, der Fachdidaktik und der Bildungswissenschaft zu fördern. Das Hauptanliegen der Veranstaltungsreihe ist es, innovative Konzepte für Lehrkräftefortbildungen, die sich auf die digitale Transformation von Schule und Unterrichten konzentrieren, sichtbar zu machen und zu teilen. Das Format richtet sich daher explizit an Personen, die aktiv in der Lehrkräftefort- und -weiterbildung tätig sind, wie z. B. Fortbildner:innen. Darüber hinaus ist Boxenstopp auch für interessierte Mitarbeitende der Landesinstitute und Qualitätsagenturen gedacht.

Wie ist das Format aufgebaut und was erwartet die Teilnehmenden?

Boxenstopp ist ein 60-minütiges Online-Format mit einem Mix aus Input- und moderierten Austauschphasen. Es werden jeweils ein bis zwei digitalisierungsbezogene Fort- und Weiterbildungskonzepte vorgestellt, die anschließend in Hinblick auf eine mögliche länderspezifische Umsetzung in der Praxis diskutiert werden.

Die Teilnehmenden erwarten spannende Fort- und Weiterbildungskonzepte zu ganz unterschiedlichen fachlichen und überfachlichen Themen, die im Zusammenhang mit der Digitalisierung von Schule und Unterricht stehen. Boxenstopp bietet einen Raum für Feedback und Diskussionen zu Fort- und Weiterbildungskonzepten und fördert eine Vernetzung aller beteiligten Akteur:innen.

Mit welchen Themen und Konzepten wird sich Boxenstopp befassen?

Wir werden eine Vielfalt an fachdidaktischen und bildungswissenschaftlichen Fort- und Weiterbildungskonzepten präsentieren, die einen Beitrag zur digitalen Transformation von Schule und Unterricht leisten können. Die präsentierten Konzepte decken verschiedene fachliche und überfachliche Bereiche zur Lehrkräftefort- und -weiterbildung ab.

Bei unserer ersten Veranstaltung am 18. April 2024 wird Prof. Dr. Heidrun Heinke von der RWTH Aachen ein modulares Fortbildungskonzept für den Einsatz der App phyphox für Smartphone-gestützte Experimente in der Schule vorstellen.

Birgit Pikowsky: „Lehrkräftebildung kann nur gemeinsam erfolgreich gestaltet werden“

Länderübergreifende Zusammenarbeit in der Bildung – mit diesem Ziel vor Augen betritt der Kompetenzverbund lernen:digital regelrecht „Neuland“. Doch am Ende könnten sich neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern, aber auch zwischen Wissenschaft und Praxis etabliert haben, hofft Birgit Pikowsky, Direktorin des Pädagogischen Landesinstituts Rheinland-Pfalz. Die Landesinstitute für Lehrkräftebildung sind dabei ein entscheidender Faktor, denn sie vermitteln Praxiswissen an die Wissenschaft, Forschungsergebnisse in die Praxis und kooperieren auch untereinander. Zusammen mit Dirk Richter, Wissenschaftliche Leitung der lernen:digital Transferstelle, werden im Interview aber auch die Aufgaben der Transferstelle herausgestellt. Nicht zuletzt berichten die beiden, wozu sich lernen:digital nach Ablauf der Projektzeit im Idealfall entwickeln könnte.

„Sie ist eben doch möglich, die länderübergreifende Zusammenarbeit in der Bildung“, so schreiben Sie, Frau Pikowsky, in einem Artikel auf Website der Kultusministerkonferenz (KMK). Sind das Vorschusslorbeeren für den Kompetenzverbund lernen:digital?

Birgit Pikowsky: Nein, der Artikel bezog sich auf etwas anderes. Aber ich würde es als Wunsch und Erwartung an lernen:digital formulieren. Und dieser Satz zeigt auch eine Haltung, die ich zum Ausdruck bringen möchte, wie wichtig die länderübergreifende Zusammenarbeit und wie wichtig auch die Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis ist.

Können Sie kurz schildern, wie diese länderübergreifende Zusammenarbeit bei lernen:digital aussieht und dazu auch kurz die Struktur, Aufgaben und Ziele des Projekts erläutern?

Dirk Richter: Der Kompetenzverbund lernen:digital ist ein Projekt, das aus vier Kompetenzzentren besteht, die jeweils einen bestimmten Fachbereich abdecken. Innerhalb jedes Kompetenzzentrums existieren zwischen vier und acht Projektverbünde, die wiederum aus verschiedenen Universitäten bestehen, die in unterschiedlichen Bundesländern verortet sind. Insgesamt gibt es 24 dieser Projektverbünde und mehr als 200 Teilprojekte. Jeder Projektverbund hat das Ziel, Fortbildungskonzepte zu entwickeln. Diese sollen über die Transferstelle den Weg in die Praxis finden und bundesweit die Lehrkräfte aus den entsprechenden Fächern beim Einsatz digitaler Medien unterstützen und die digitale Bildung in Schulen fördern. Die Landesinstitute aller Länder spielen im gesamten Prozess eine besondere Rolle: Sie sind bei den allermeisten Projektverbünden ein zentraler Partner und im Idealfall bereits bei der Entwicklung der Fortbildungskonzepte involviert. Frau Pikowsky kann sicher bestätigen, dass viele Projektverbünde an ihr Institut herantreten und Zusammenarbeit wünschen. Aber auch bezüglich des Transfers sind wir im engen Austausch und die Landesinstitute überlegen mit uns, über welche Strukturen wir die Ergebnisse gut in die Schulen transferieren können.

Birgit Pikowsky: Sie sehen, die Landesinstitute können da, wo sie frühzeitig eingebunden sind, – was ich für zentral bedeutsam halte – einen wichtigen Beitrag leisten. Wir können natürlich nicht als ein Institut bei 200 Projekten mitarbeiten. Aber wo es möglich ist, beteiligen wir uns, indem wir beispielsweise den Bedarf in Schulen ermitteln und Erfahrungen in der Lehrkräftefortbildung sowie in der Arbeit mit der Bildungsadministration einbringen. Zudem agieren wir auch als Vermittler zwischen Wissenschaft und Schulen. Wir überlegen gemeinsam, was Schulen brauchen, wie die Angebote gestaltet werden müssen, wie die Projekte ihren Weg in die Schulen finden und wie Lehrkräfte angesprochen werden können. Wo möglich, geben wir auch Rückmeldungen zu Entwicklungsschritten und binden uns als kritische Partner oder „reflektierendes Team“ ein. Es geht darum, dass mehr entsteht als nur ein Markt der Möglichkeiten. Es sollen auch Leitlinien eingeführt und Qualitätskriterien formuliert werden – und da habe ich hohe Erwartungen, insbesondere an die Transferstelle.

Welche Aufgaben hat die Transferstelle denn ganz konkret?

Dirk Richter: Die Transferstelle hat vielfältige Funktionen im großen Verbund. Einerseits hat sie die Aufgabe, Vernetzung herzustellen – sowohl innerhalb der Kompetenzzentren, also zwischen den Projektverbünden, als auch zwischen den vier Kompetenzzentren und nicht zuletzt zur wissenschaftlichen Community, die außerhalb der Kompetenzzentren tätig ist. Zusätzlich hat die Transferstelle die Aufgabe, Wissenschaftskommunikation zu betreiben. Das heißt, sie soll die gewonnenen Erkenntnisse in der Öffentlichkeit, insbesondere aber in der Schulöffentlichkeit bekannt machen. Dazu nutzen wir eine Vielzahl von praxisnahen Formaten wie Podcasts, Videos, Konferenzen, Workshops und Community Calls. Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Durchführung eigener Forschung beispielsweise zu den Fragen, wie Multiplikator:innen qualifiziert werden oder was gelingende Konzepte zur Qualifizierung sind. Und schließlich ist die Vorbereitung des Transfers – also die Übermittlung der gewonnenen Erkenntnisse und Projekte – ein entscheidender Punkt. Dazu gehört die intensive Zusammenarbeit mit den Landesinstituten, die Nutzung einer Plattform, wo die entwickelten Konzepte eingestellt werden, und die Qualifikation der Multiplikator:innen.

„Die Landesinstitute aller Länder spielen im gesamten Prozess eine besondere Rolle: Sie sind bei den allermeisten Projektverbünden ein zentraler Partner und im Idealfall bereits bei der Entwicklung der Fortbildungskonzepte involviert.“

Dirk Richter

Sehen Sie es denn auch als Ihre Aufgabe, die von Frau Pikowsky eingeforderten Leitlinien einzuziehen?

Dirk Richter: Absolut. Es geht darum, sicherzustellen, dass kein bunter Mix aus verschiedenen Produkten entsteht, sondern dass die Produkte qualitätsgesichert sind, nach bestimmten Vorgaben entwickelt wurden und in die bestehenden Systeme der Länder übertragbar sind. Ein Beispiel: Es existiert bereits eine Plattform namens ComPleTT, eine Moodle-Plattform, über die sich die Länder austauschen können und auf der entwickelte Fortbildungskonzepte auch länderübergreifend weitergeleitet werden können. Unsere Aufgabe besteht nun darin, die Projektverbünde und Kompetenzzentren anzuleiten, ihre Konzepte so vorzubereiten, dass sie optimal von den Landesinstituten über diese Plattform genutzt werden können, qualitätsvoll sind und bestimmten einheitlichen Vorgaben entsprechen. Auch was die angesprochene Qualifizierung der Multiplikator:innen der Landesinstitute betrifft, möchten wir keine strikten Vorgaben machen. Wir möchten vielmehr aus den Erkenntnissen unserer Forschung Hinweise ableiten, was erfolgreiche Möglichkeiten sind, unser Wissen bereitstellen und beraten. Die Durchführung von Fortbildungen ist das Kerngeschäft der Landesinstitute und hier sehen wir eine klare Aufgabenteilung.

Besteht dann nicht die Gefahr, dass die Institute und Multiplikator:innen die Konzepte nach eigenem „Gutdünken“ umsetzen?

Birgit Pikowsky: Ich glaube, entscheidend ist der Punkt, dass wir nichts Fertiges aus der Wissenschaft erhalten, was wir dann in die Praxis übertragen sollen, ohne dass die Praxis und die Strukturen vor Ort vorher involviert waren. So funktioniert Transfer nicht. Wissenschaft hat die Aufgabe, den Transfer gemeinsam zu gestalten und zu evaluieren. Es ist also nicht so, dass jeder tun kann, was er will. Wir orientieren uns gemeinsam an den Qualitätskriterien.

Dirk Richter: Ich würde das gerne um folgenden Punkt ergänzen: Im Verlauf der Projektlaufzeit planen wir Tagungen und Vernetzungstreffen, auf denen die Produkte vorgestellt werden und an denen auch die Landesinstitute teilnehmen. Und dort soll schon gemeinsam überlegt werden: „Wie schaffen wir es, dass ein Konzept gut in die Struktur eines Landes überführt und dort umgesetzt werden kann?“
Auch die Fortbildungskurse, die als Selbstlernkurse auf der genannten Moodle-Plattform eingestellt werden, sind keine Konzepte, die in gleicher Form in jedem Land eingebracht werden müssen. Sie dienen als Angebote, die an die eigenen Bedürfnisse des Landes angepasst werden können. Das macht das Projekt so interessant und herausfordernd, da jedes Land eigene Strukturen und Vorgaben für die Umsetzung von Fortbildungen hat. Es kann also nicht einfach ein vorgegebenes Konzept in jedem Land auf die gleiche Weise umgesetzt werden, sondern es bedarf Anpassungen an die länderspezifischen Rahmenbedingungen.

Birgit Pikowsky: Ich gebe mal ein konkretes Beispiel, um das Ganze etwas greifbarer zu machen. Im nächsten Halbjahr planen wir mit dem Verbund MINT eine Tagung. Die Forschungsprojekte aus dem MINT-Bereich können dort vorgestellt werden, und Lehrkräfte sowie Multiplikator:innen könnten Rückmeldungen geben oder Interesse an einer Zusammenarbeit zeigen. So entstehen konkrete Kooperationen, noch in der Entwicklung, die über das Zufällige, „Ich habe mal von irgendeinem Projekt gehört“, hinausgehen und systematischer werden.

Das Projekt ist auf zweieinhalb beziehungsweise im Fall der Transferstelle auf dreieinhalb Jahre angelegt. Was wünschen Sie sich, was am Ende erreicht sein soll?

Birgit Pikowsky: Durch die kurze Laufzeit stößt man schnell an Grenzen. Ich habe dennoch die Erwartung, dass auch nach Ende des Projekts eine Weiterarbeit mit den entwickelten Konzepten stattfindet. Ich wünsche mir außerdem, dass in diesen zweieinhalb Jahren Prozesse gestartet und Strukturen aufgebaut werden, die nachhaltig wirken. Es geht darum, dass Kooperationen entstehen und eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis und auch zwischen Bund und Ländern etabliert wird. Lehrkräftebildung ist so wichtig und zentral, dass sie nur gemeinsam erfolgreich gestaltet werden kann.

Dirk Richter: Ich kann das nur unterstreichen. In der verbleibenden Projektzeit werden wir nicht alle Lehrkräfte qualifizieren können und die Schulen fit für digitalen Unterricht machen. Aber ich hoffe, dass wir Strukturen haben werden, in denen alle Beteiligten gut zusammenarbeiten können. Ich hoffe auch, dass wir bestehende Plattformen weiter ausbauen und Routinen schaffen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in Schulen integriert werden können. Und nicht zuletzt ist meine große Hoffnung, dass wir eine Vielzahl von Konzepten und Materialien entwickeln, die von den Landesinstituten genutzt werden können.

„Ich wünsche mir, dass in diesen zweieinhalb Jahren Prozesse gestartet und Strukturen aufgebaut werden, die nachhaltig wirken. Es geht darum, dass Kooperationen entstehen und eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis und auch zwischen Bund und Ländern etabliert wird.“

Birgit Pikowsky

Was sind denn die größten Hürden, die diesen Zielen im Wege stehen?

Dirk Richter: Eine Hürde besteht darin, dass es keine länderübergreifende Lernplattform gibt, in die sich jede Lehrkraft einloggen kann. Das heißt, in jedem Land müssen die Konzepte von der angesprochenen länderübergreifenden Plattform auf die jeweilige Landesplattform, auf die die Lehrkräfte Zugriff haben, gehoben werden. Wir arbeiten also im Prinzip über ein Mittlersystem und die Transferstelle kann nicht sicherstellen, dass alle Lehrkräfte erreicht werden. Eine weitere Hürde liegt in der fehlenden Finanzierung der Landesinstitute. Das heißt, sie erhalten für ihre Mitarbeit bei diesem Projekt kein zusätzliches Budget von Bund oder Land und können dementsprechend nur so weit mitwirken, wie es das zur Verfügung stehende Budget zulässt. Eine zusätzliche Unterstützung mit entsprechender Personalkostenübernahme wäre wünschenswert. Und eine kleine Hürde sind natürlich die unterschiedlichen Strukturen und Anforderungen der Länder. Die Transferstelle muss gut kommunizieren und verstehen, welche spezifischen Bedürfnisse und Besonderheiten in den einzelnen Ländern existieren, um diese an die Verbünde zurückzumelden.

Birgit Pikowsky: Auch die Komplexität des Projekts ist eine Hürde. Mit 200 Projekten und einer Vielzahl beteiligter Universitäten ist es eine Herausforderung, die Zuständigkeiten klar zu definieren und die Projekte zu steuern und zu strukturieren.

Dirk Richter: Und auch die fehlende Anschlussfinanzierung ist eine Hürde. Der Bund investiert viel Geld, aber es ist aktuell noch unklar, wie es nach den zweieinhalb Jahren weitergehen wird. Die Digitalisierung wird aber nach dieser Zeit nicht enden, die Aufgabe bleibt also bestehen, und wir sollten die Erkenntnisse und Strukturen nutzen, um daran weiterzuarbeiten. Aber wenn wir nicht wissen, in welchen Strukturen es weitergeht, dann ist es natürlich auch schwer, den Prozess weiterzudenken. Die Klärung der Anschlussfinanzierung ist daher eine drängende Aufgabe.

Was würden Sie sich denn wünschen, wie es nach zweieinhalb Jahren weitergehen soll?

Dirk Richter: Aus meiner Sicht bräuchten wir eine deutlich übersichtlichere Struktur, keine regional verteilten Projektverbünde, sondern im besten Fall regionale Kompetenzzentren, die bundeslandübergreifend tätig sind. Diese Zentren könnten auf Basis der bis dahin entwickelten, gut evaluierten Konzepte Dinge flächendeckend umsetzen. Momentan haben wir viele einzelne Fortbildungskonzepte, aber nicht alle werden es schaffen, flächendeckend umgesetzt zu werden. Meine Vorstellung ist, dass man sich auf wenige, aber wichtige Projekte konzentriert, die dann die Ressourcen haben, um in der Fläche realisiert zu werden. Man könnte Multiplikator:innen in bestimmten Themenbereichen schulen, und diese geschulten Multiplikator:innen könnten dann die Fortbildungen in den jeweiligen Ländern durchführen. Dies könnte dann auch Evaluationen beinhalten, um die Wirkung eines einheitlichen Konzepts über die Länder hinweg zu messen.

Birgit Pikowsky: Diesen Wunsch nach regionalen Kompetenzzentren, lieber weniger, dafür gebündelt, teile ich. Die Zentren sollten fach- und themenbezogene Anlaufstellen für Wissenschaft und Landesinstitute sein und Expertise aus allen Bereichen vorhalten. So könnten wir gemeinsam Qualitätssicherung und -entwicklung vorantreiben. Die Landesinstitute könnten sich dann mit diesen regionalen Kompetenzzentren vernetzen und die Konzepte erfolgreich in die Fläche bringen. Das wäre meine Idealvorstellung.

Interview: Beate Berrischen, Agentur für Bildungsjournalismus

Wir sind auf der didacta 2024

Der Kompetenzverbund lernen:digital entwickelt evidenzbasierte Fort- und Weiterbildungen, Materialien sowie Konzepte für die Schul- und Unterrichtsentwicklung in einer Kultur der Digitalität. Um diese entlang konkreter Bedarfe auszurichten, strebt der Kompetenzverbund eine nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Bildungspraxis und Bildungsverwaltung an. Dazu suchen wir den Dialog auf Augenhöhe und informieren auf Europas führender Bildungsmesse über die Struktur und Aufgaben des Kompetenzverbunds und seiner vier Kompetenzzentren, Angebote der Wissenschaftskommunikation sowie geplante Transfer- und Dialogformate. Wir freuen uns darauf, Interessierte an unserem Stand zu begrüßen und uns mit Ihnen zu vernetzen.

Zeit: 20. bis 24. Februar 2024, jeweils 9:00 bis 18:00 Uhr 

Ort: Messe Köln, Halle 7.1 Stand B034

Unter dem diesjährigen Motto „Bildung mit Zukunft – Jetzt gestalten!“ präsentieren 2024 rund 730 Ausstellende innovative pädagogische Konzepte, Technologien und Dienstleistungen. Als zentraler Treffpunkt für Lehrkräfte, Pädagog:innen, Unternehmen, Verbände, Politik und Wissenschaft fördert die didacta den direkten Austausch im gesamten Bildungsbereich. In diesem Jahr beleuchtet das Rahmenprogramm der Messe insbesondere die digitale Transformation und verspricht interessante Podiumsdiskussionen und Vorträge.

Mehr zur didacta

Silke Müller: „Dieses Projekt könnte ein Gamechanger sein“

Silke Müller, Schulleiterin und Mitglied im Begleitgremiums des Kompetenzverbund lernen:digital, setzt große Hoffnungen in das Verbundvorhaben. Es könne das deutsche Bildungssystem aus der Ruinenverwaltung führen, hofft sie. Auch Katharina Scheiter, Professorin für Digitale Bildung an der Universität Potsdam und Leiterin der lernen:digital Transferstelle, hat große Ziele: Zwar werde man innerhalb der Projektlaufzeit nicht das Bildungssystem revolutionieren, doch es könnte eine Blaupause für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Bildungsverwaltung und Schulpraxis, Bund und Ländern entstehen. Im Interview erklären beide, warum sie diese großen Hoffnungen hegen, welche Hürden es zu überwinden gilt, wie der Kompetenzverbund – einfach erklärt – aufgebaut ist und welche Auswirkungen es auch auf die Lehrkräfteausbildung hat.

Zum Start des Kompetenzverbund lernen:digital haben Sie, Frau Müller, das deutsche Bildungssystem als Ruinenverwaltung bezeichnet und erklärt, lernen:digital habe das Potenzial, dies zu ändern. Bei der Ruinenverwaltung wird kaum jemand aus dem Bildungssystem widersprechen, aber warum soll ein Projekt zu digital gestütztem Lernen und Unterrichten ein „Gamechanger“ sein?

Silke Müller: Dafür sprechen mehrere Punkte. Zum einen habe ich nicht nur von der charmanten Ruinenverwaltung gesprochen, sondern auch von der heiligen Kuh des Föderalismus, die wir wahnsinnig gerne vor uns hertreiben und an die wir nicht rangehen: Es gab schon viele tolle Einzelprojekte. Aber was gut in Niedersachsen war, kam in Bayern nicht an. Bei diesem Projekt wird nun erstmals bundesweit zusammengearbeitet. Hinzu kommt, dass es bei lernen:digital erstmals eine Vernetzung von Wissenschaft und Praxis gibt. Bisher wurde die Kompetenzvermittlung, wie Lehrkräfte durch digitale Medien das Lehren und Lernen verbessern können, nur sehr stiefmütterlich behandelt. Nun werden endlich von der Wissenschaft Strategien entwickelt, welche digitalen Kompetenzen Lehrkräfte in verschiedenen Fächern benötigen. Die Lehrkräfte bekommen etwas, das Hand und Fuß hat, wo sie sich drauf verlassen können, dass es sie in ihrer Arbeit unterstützt

Katharina Scheiter: Das ist ein weiterer entscheidender Punkt: Das Thema Digitalität wird bei lernen:digital anders kommuniziert. Es geht nicht um ein weiteres Add-on, mit dem sich Lehrkräfte auseinandersetzen müssen. Sondern im Mittelpunkt stehen die Fragen, wie guter Unterricht gestaltet wird, welche Ziele wir im Unterricht haben, welche Schwierigkeiten es gibt, diese Ziele zu erreichen und wie digitale Medien dabei helfen können, diese Schwierigkeiten zu beseitigen.

Silke Müller: Genau darum ist es bisher nämlich nicht gegangen. Plötzlich hieß es: „Technik muss in die Schule“. Aber der Ansatz war nicht: Wie kann uns Technik bei den komplexen Herausforderungen im Bildungssystem helfen? Das klingt sehr pathetisch, aber schlussendlich geht es bei der Bildung darum, unser eigenes friedvolles und demokratisches Leben zu sichern. Dazu müssen wir eine neue Generation fit machen für die Herausforderungen der Zukunft, die schlichtweg nicht mehr mit dem zu vergleichen sind, was vor zehn Jahren war. Die Kompetenzen, die unsere Kinder dafür bräuchten, geben wir ihnen aktuell jedoch nicht mit. Aber mit diesem Projekt können wir den Anstoß geben, Bildung zu revolutionieren oder zumindest dahingehend zu verbessern.

Schaut man sich den Aufbau und die Konzeption von lernen:digital an, lässt sich diese Strahlkraft noch nicht erkennen. Da gibt es Projektverbünde, Kompetenzzentren, Transferstelle, Landesinstitute – man behält kaum den Überblick und das schreckt eher ab. Daher die Bitte: Erklären Sie das Projekt einmal so einfach wie möglich.

Silke Müller: In Vorbereitung auf das Interview habe ich dazu mal ChatGPT genutzt und der KI gesagt: „Explain me as if I´m five lernen:digital“. Heraus kam – gekürzt – Folgendes: „Der Kompetenzverbund lernen:digital ist wie eine Gruppe von klugen Menschen, die zusammenarbeiten, um Schulen und Lehrerinnen und Lehrern dabei zu helfen, besser mit digitalen Dingen umzugehen. Die klugen Leute forschen und entwickeln Ideen in verschiedenen Bereichen wie Mathe, Sprache, Musik und Schulentwicklung. In Projekten erstellen sie Schulungsunterlagen, Materialien und Konzepte, wie man den Unterricht besser machen kann, wenn man digitale Technologien verwendet. Eine besondere Stelle, die Transferstelle, arbeitet daran, die Ideen noch besser zu machen, und hilft dabei, sie in ganz Deutschland zu verbreiten.”

Katharina Scheiter: Ich würde das um Folgendes ergänzen: Wir müssen alle lernen, mit digitalen Medien zu arbeiten. Dabei möchte lernen: digital die Lehrkräfte unterstützen, damit sie mit digitalen Medien besser lehren können. Damit wir das für alle verschiedenen Fächer gewährleisten können, brauchen wir fachliche Kompetenz. Denn natürlich setzt man digitale Medien im Chemieunterricht ganz anders ein als im Fach Musik oder Geschichte. Deswegen haben wir eine Vielzahl von verschiedenen Projekten, die diesen fachlichen Bezug herstellen und die in drei Kompetenzzentren zusammengefasst sind. Wenn wir die Lehrkräfte fit machen, setzt das aber auch eine Änderung der Organisation Schule voraus. Das ist die Aufgabe des vierten Kompetenzzentrums. Und die Transferstelle schließlich soll dafür Sorge tragen, dass etwas, was in einem Projektverbund in Niedersachsen entwickelt wird, auch in die 15 anderen Bundesländer gelangt.

Die Idee ist dabei aber nicht, dass jedes Einzelprojekt für alle 800.000 Lehrkräfte in Deutschland angeboten wird, sondern dass wir eine Änderung auf der systemischen Ebene hinbekommen: Die Erkenntnisse aus den Projekten sollen in den Landesinstituten verankert und von deren Fort- und Weiterbildenden aufgegriffen und an die jeweiligen Fachlehrkräfte weitergegeben werden.

Wenn also ein Projektverbund aus dem Kompetenzzentrum MINT eine Fortbildung für Physiklehrkräfte entwickelt hat, wie geht es dann weiter?

Katharina Scheiter: Da muss man einen Schritt vorher beginnen: Die klugen Leute, wie ChatGPT sie genannt hat, setzen sich schon bei der Entwicklung der Fortbildung mit Vertreter:innen aus der Praxis zusammen, damit auch etwas entwickelt wird, das zur Unterrichtsrealität passt und das wirklich nützlich ist. Im nächsten Schritt wird das Ganze dokumentiert und aufbereitet und dazu gehen wir relativ einmalig vor: Normalerweise ist es gerade bei mehreren Projektverbünden so, dass sie eine eigene Plattform entwickeln, auf der die Inhalte eingestellt werden. Wir haben uns von vornherein dafür entschieden, die vorhandenen Transferwege zu nutzen. Das heißt, wir arbeiten mit den Landesinstituten zusammen. Dort gibt es eine digitale Plattform, auf die alle Landesinstitute Zugriff haben, und dort wird alles aus unseren Projekten eingestellt und somit allen Ländern zugänglich gemacht. Das heißt, wir schaffen keine Parallelstruktur, die wieder zusammenfällt, wenn die Projektförderung endet, sondern wir gehen in das System rein.

„Im Mittelpunkt stehen die Fragen, wie guter Unterricht gestaltet wird, welche Ziele wir im Unterricht haben, welche Schwierigkeiten es gibt, diese Ziele zu erreichen und wie digitale Medien dabei helfen können, diese Schwierigkeiten zu beseitigen.“

Katharina Scheiter

Gehören Sie, Frau Müller, auch zu diesen Vertreter:innen aus der Praxis, die darauf achten, dass die Projekte auch in der Praxis realisierbar sind?

Silke Müller: Nein, ich sehe meine Aufgabe eher in der Rolle des kritischen Freundes, der vor allem danach schaut, ob lernen:digital auch wirklich bei den Lehrkräften ankommt. Denn damit das Projekt wirksam ist und funktioniert, muss eine große Masse von Leuten aus dem Bildungssystem davon erfahren und überzeugt sein: „Das ist super, das brauchen wir“. Bis jetzt wissen aber viele Schulen noch nichts von lernen:digital und welch großen Schatz wir damit im Bildungssystem heben können. Wenn das Thema aber bei den Landesinstituten verhaftet und nicht zu den Lehrkräften heruntergebrochen wird, dann könnte das Projekt scheitern.
Um das zu verhindern, sehe ich es als Aufgabe aller Kultusministerien, dass sie alle Schulleitungen informieren und sie auffordern, diese Initiative den Lehrkräften bekannt zu machen. Bisher habe ich aber noch von keinem solchen Aufruf gehört.

Sind wir damit bei der heiligen Kuh des Föderalismus? Sprich: Sie haben Sorge, dass die Länder die Konzepte nicht von den Landesinstituten aktiv zu den Lehrkräften bringen, weil es ein Bundesprojekt ist, an dessen Planung und Finanzierung die Länder nicht beteiligt waren und sind?

Katharina Scheiter: Es gab in jedem Fall eine große Anfangsskepsis gegenüber der Art und Weise, wie das Projekt aufgesetzt ist. Aber es setzt sich immer mehr die Haltung durch, dass das Projekt nun mal so gestrickt ist, wie es ist und wir versuchen nun, das Beste daraus zu machen. Kurz vor Weihnachten haben wir beispielsweise die Zusage erhalten, dass die Projektverbünde direkt auf der Plattform, die eigentlich der Kultuministerkonferenz gehört, arbeiten können. Das war ein Angebot aus den Ländern heraus, und nichts, wonach wir gefragt haben. Woran man merkt, dass sich die Stimmung ändert und der Wille da ist, dieses Projekt zu nutzen.

Silke Müller: Mit Blick auf die PISA-Ergebnisse haben wir auch keine Zeit mehr für solche Befindlichkeiten. Der Grund, warum wir Bildung betreiben, ist, Kinder und Jugendliche fit für die Herausforderungen der Zukunft zu machen. Das muss im Vordergrund stehen. Dann würde man auch sehen, dass lernen:digital ein Projekt ist, das sich wirklich bemüht, bundesweit Lehrkräfte fit zu machen, damit sie guten Unterricht in einer Kultur der Digitalität machen können. Und dann würden alle Länder sich schnell dran machen, den Weg freizumachen, und das Projekt könnte zum Gamechanger werden. Doch dieser große Ruck fehlt. Stattdessen geht es um Animositäten. Da ist jemand sauer, dass der Bund das Projekt ins Leben gerufen hat, schließlich ist das sein Hoheitsgebiet. Und obwohl jeder sieht, was für eine Katastrophe der Bildungsföderalismus damit für die Weiterentwicklung des Schulsystems darstellt, wird darüber nicht diskutiert.

Katharina Scheiter: Was wir auf jeden Fall brauchen, ist eine Diskussion, an welcher Stelle länderspezifische Betrachtungen sinnvoll sind. Die Frage, wie Mathematik in der siebten Klasse besser vermittelt werden kann, die Entwicklung von Unterrichtsmaterialien und Konzepten, digitalen Angeboten – das ist in Bremen nicht anders als in Bayern. Erst die Frage der Implementierung ist etwas, das an die Gegebenheiten der Bundesländer angepasst werden muss. Das zeigt, dass wir unterscheiden sollten, an welchen Stellen Föderalismus sinnvoll und notwendig ist und an welchen Stellen länderübergreifendes Arbeiten im Vordergrund stehen muss. Und das versuchen wir mit diesem Projekt ein bisschen anzuregen.

Das klingt, als würden Sie den Föderalismus stellenweise ausschalten wollen, ohne aber die Systemdebatte zu führen.

Katharina Scheiter: Man muss sich eigentlich nur überlegen, was man in einer Projektlaufzeit von drei Jahren realistisch erreichen kann. Die Projektverbünde hatten mich beispielsweise gebeten, ein einheitliches Genehmigungsverfahren für die Durchführung von wissenschaftlichen Untersuchungen an Schulen anzuregen. Bisher gibt es nämlich 16 verschiedene Verfahren. Das habe ich in einem Gespräch mit den Ländervertreter:innen angesprochen. Aber zurück kam die einhellige Bitte, dass ich mich auf dieser Ebene nicht verkämpfen möge. Denn das sind teilweise Regelungen, die in den Landesgesetzen verankert sind. Und das zu ändern, würde enorm viel Zeit und Energie verschlingen. Wir nehmen diese Gegebenheiten deswegen jetzt so hin, versuchen aber im Gespräch mit den Ländern pragmatische Lösungen zu finden, um gemeinsam das Beste aus diesem Projekt zu machen.

Silke Müller

„Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt und dieses Projekt könnte der erste Schritt zu einer systematischen, strukturierten Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis, Bildungsverwaltung und Bildungspolitik sein, die es den Schulen ermöglicht, das Lehren mithilfe digitaler Medien zu verbessern und die Kinder und Jugendlichen fit für die Zukunft zu machen.“

Silke Müller

Was sieht denn Ihr Zeitplan vor, wann werden voraussichtlich die ersten Konzepte fertig sein und an die Landesinstitute weitergereicht?

Katharina Scheiter: Wir gehen davon aus, dass wir im Frühsommer die ersten dokumentierten Produkte auf der Plattform haben werden. Aktuell steht bei uns in der Transferstelle daher die Frage im Mittelpunkt, die Silke Müller vorhin ansprach: Wie wir es schaffen, dass diese Produkte dann auch in die Breite gebracht werden.

Sofern dies gelingt, wird dann auch evaluiert, ob ein Konzept funktioniert und angenommen wird?

Katharina Scheiter: Wir entwickeln in der Transferstelle Instrumente für die Evaluierung, die wir zentral zur Verfügung stellen werden. Dazu gehört unter anderem ein Instrument, mit dem teilnehmende Lehrkräfte die Fortbildungsqualität beurteilen können. Und wir entwickeln ein Testverfahren, mit dem wir die digitalisierungsbezogenen Kompetenzen von Lehrkräften messen wollen. Denn das ist ja sozusagen die Zielgröße: die Lehrkräfte in die Lage zu versetzen, mit digitalen Medien den Unterricht zu planen und durchzuführen. Wir können aber keine bundesweiten Evaluationsuntersuchungen machen und planen. Dazu wäre sehr viel Koordination notwendig und das ließe sich in der verbleibenden Zeit auch nicht verwirklichen.

Was ist denn das Beste, was das Projekt nach den drei Jahren nach Ihrer Vorstellung erreicht haben könnte?

Katharina Scheiter: Wir werden in den drei Jahren nicht die Welt revolutionieren. Aber mein Wunsch ist, dass wir an einzelnen Beispielen von entwickelten Fort- und Weiterbildungsangeboten eine Art Blaupause entwickeln, wie die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Bildungspraxis und Bildungsverwaltung dauerhaft gut gelingen kann. Dass wir also den Boden ebnen und Strukturen etablieren, die tragfähig sind für etwas Größeres, zu dem wir den Anstoß geben.

Silke Müller: Und da schließt sich dann der Kreis: Dann wäre es ein Gamechanger. Oder anders: Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt und dieses Projekt könnte der erste Schritt zu einer systematischen, strukturierten Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis, Bildungsverwaltung und Bildungspolitik sein, die es den Schulen ermöglicht, das Lehren mithilfe digitaler Medien zu verbessern und die Kinder und Jugendlichen fit für die Zukunft zu machen.

Lautet ein weiteres Ziel, dass diese Zusammenarbeit dann auch auf die Lehrerausbildung ausgedehnt wird?

Katharina Scheiter: Durch die Qualitätsoffensive Lehrerbildung ist in diesem Bereich bezüglich der Digitalisierung bereits etwas passiert. Allerdings wurde es nicht geschafft, dass das Thema digitale Bildung verpflichtender Bestandteil in der Lehrkräfteausbildung an allen Hochschulen geworden ist. Das ist ein Riesenproblem, das angegangen werden muss. Aber auch die 800.000 Lehrkräfte, die im System sind, haben einen wesentlichen Einfluss auf die Referendar:innen. „Jetzt vergiss mal alles, was du an der Uni gelernt hast. Wir erklären dir jetzt mal, wie die Praxis wirklich funktioniert“, das bekommen noch viele zu Beginn des Referendariats zu hören. Und wenn diese Praxis dann immer noch nach dem analogen Standard verläuft, kommen wir nie zu einem Unterricht in einer Kultur der Digitalität. Wenn wir es aber schaffen, die bestehenden Lehrkräfte zu einem solchen Unterricht zu befähigen, dann nehmen wir damit also auch einen positiven Einfluss auf die Ausbildung angehender Lehrkräfte.

Interview: Beate Berrischen, Agentur für Bildungsjournalismus

Wissenschaft für die Praxis: Der Kompetenzverbund lernen:digital stellt sich vor

Dass etwas schiefläuft in der Art und Weise, wie Lehrkräfte aktuell auf die Herausforderungen ihres Berufs vorbereitet werden, merkt Micha Pallesche immer dann, wenn er mit jungen Kolleg:innen spricht. Pallesche ist Schulleiter der Ernst-Reuter-Schule Karlsruhe, die schon seit vielen Jahren als leuchtendes Beispiel für zukunftsorientierten Unterricht gilt. Schulentwicklung findet in einem ko-kreativen Prozess unter Beteiligung der Schüler:innen und Eltern statt, digitale Medien werden dort inzwischen so selbstverständlich eingesetzt, dass man sich selbst bereits in einer post-digitalen Phase angekommen sieht. Leider scheint eine solch zukunftsoffene Perspektive in der Lehrkräfteausbildung im Augenblick noch nicht angekommen zu sein. „Junge Lehrer:innen sind oft diejenigen, die am traditionellsten unterrichten.“

Genau dies zu ändern, ist eines der Hauptziele des 2023 gegründeten Kompetenzverbund lernen:digital. Zur Auftaktveranstaltung am 22. und 23. November im Cafe Moskau in Berlin kamen rund 450 Vertreter:innen aus Wissenschaft und Bildungspraxis zu einem ersten großen Netzwerktreffen zusammen. Micha Pallesche war virtuell zugeschaltet, um gemeinsam mit Katharina Günther-Wünsch, amtierende KMK-Präsidentin und Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Prof. Dr. Katharina Scheiter, gemeinsam mit Prof. Dr. Dirk Richter Wissenschaftliche Leitung der lernen:digital Transferstelle, und Dr. Johanna Börsch-Supan, Abteilungsleiterin für allgemeine und berufliche Bildung im Bundesministerium für Bildung und Forschung über die Erfolg versprechenden Strategien zur Stärkung von Lehrkräften zu sprechen. Und zwar in der Breite, wie Günther-Wünsch noch einmal bekräftigte: „Ein kleines Grüppchen reicht nicht, um Standards zu setzen.“

Foto: Phil Dera

Herausfordernder Transfer

Nun gehört die Fortbildung der rund 800.000 Lehrkräfte in Deutschland zum Aufgabenbereich der 22 Landesinstitute und Qualitätsagenturen, die beim Treffen auch zahlreich vertreten waren. Deren Vertreter:innen wiesen im Rahmen der vielfältigen Vernetzungs- und Dialogformate der Kick-off-Veranstaltung auch immer wieder auf die eigene Expertise hin und wie wichtig es sei, bestehende Strukturen zu nutzen, statt neue aufzubauen. Genau das wiederum, betonte Katharina Scheiter mehrfach, sei dezidiertes Ziel des Kompetenzverbunds, der sich als breiter Zusammenschluss wissenschaftlicher Teilprojekte versteht: „Es ist nicht die Aufgabe von Universitäten, Lehrkräfte fortzubilden.“ Vielmehr wolle man gemeinsam mit den Landesinstituten daran arbeiten, evidenzbasierte Erkenntnisse aus der Wissenschaft besser als bisher in die Breite der Bildungspraxis zu tragen. „Die Landesinstitute sind diejenigen, die mit ihren Multiplikator:innen in die Praxis hineinwirken“, so Dirk Richter. „Hier ist eben das Besondere des Verbundes zu sehen: dass Wissenschaft, vertreten durch die Kompetenzzentren, mit den Landesinstituten zusammenarbeitet und neue Projekte und Konzepte in die Schulpraxis bringt.“ 

Zur Wahrheit gehöre nämlich auch: Der Transfer in die Praxis ist herausfordernd, nicht jedem Landesinstitut gelinge dies gleich gut, nicht jede:r Fortbildner:in vermag es, wissenschaftliche Erkenntnis so in Schulpraxis zu transferieren, wie es wünschenswert wäre. Eigentlich wolle man in den Fachdidaktiken, in der Schulpädagogik ja Personen mit Praxiserfahrung haben, so Scheiter. „Es gibt hier unheimlich wenig systematisch zusammengetragene Erkenntnisse. Wie qualifiziert sind diese Fortbildner:innen überhaupt in der Breite? Handelt es sich um Menschen mit einer Zusatzqualifikation in der Erwachsenenbildung? Oder habe man es mit Lehrkräften zu tun, die ihre pädagogischen Kompetenzen aus dem Schulunterricht beziehen und sich ein wenig Erwachsenenbildung angelesen haben?“ 

Graphic Recording: Nadine Roßa

Enge Zusammenarbeit mit den Landesinstituten

An diesem Punkt soll der Kompetenzverbund lernen:digital ins Spiel kommen. Mithilfe eines beeindruckenden Netzwerks von über 200 Forschungs- und Entwicklungsprojekten aus ganz Deutschland, gebündelt in 24 Projektverbünden, die sich zu vier thematisch unterschiedlich ausgerichteten Kompetenzzentren zusammengeschlossen haben, und koordiniert von einer Transferstelle, will man optimale Bedingungen dafür schaffen, dass der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis tatsächlich gelingt. Dass hier noch Verbesserungspotenzial besteht, betonte Katharina Scheiter in ihrer Keynote zur Veranstaltung: „Wir haben einen großen Klärungsbedarf in und zwischen Wissenschaft und Bildungspraxis. Und zwar zum einen bezüglich der Frage, was zeichnet eigentlich wirklich guten Unterricht mit und über digitale Medien aus? Aber auch, wie wirksame Fortbildungs- und aber auch Schulentwicklungskonzepte beschaffen sind, die ihrerseits auch die Potenziale von Digitalisierung nutzen.“

Bei der Transferstelle wiederum handelt es sich ebenfalls um einen Verbund, bestehend aus insgesamt zwölf Institutionen. Neben der Universität Potsdam, der Koordinierungsstelle des Projekts, sind noch sechs weitere Universitäten beteiligt, sowie vier Leibniz-Institute und, als Vertreter der Zivilgesellschaft, das Forum Bildung Digitalisierung. Dessen Vorstand Ralph Müller-Eiselt sieht den Verbund vor allem als Chance, das Thema digitale Bildungsteilhabe weiter voranzubringen. „Wenn man sich anschaut, was die Hürden für Bildungsteilhabe sind, dann geht es um Infrastruktur, um die Verfügbarkeit von Lehrmaterialien, aber auch um die Kompetenzen, die alle Beteiligten im System haben. Und die beiden letzten Punkte sind Kern von lernen:digital.“ 

Ihre Aufgabe sieht die Transferstelle zum einen in einer Vernetzung der Teilprojekte. Jedem der vier Kompetenzzentren ist ein Team aus sogenannten Broker:innen zugeordnet, die zwischen den Interessen der Projektverbünde, der Transferstelle und der Praxis vermitteln. Außerdem geht es darum, die Landesinstitute dabei zu unterstützen, Gelingensbedingungen und Hemmnisse des Wissenstransfers zu identifizieren und die Sichtbarkeit der Ergebnisse zu erhöhen. Ein eigenes Team für das Handlungsfeld Wissenschaftskommunikation hat das Ziel, Informationen aufzubereiten und Impulse zu geben, um den systemischen Transfer mit niedrigschwelligen Angeboten zu unterstützen. Darüber hinaus betreibt die Transferstelle auch eigene Forschung. „Diese verstehen wir als nutzeninspiriert. Das heißt, sie ist einerseits von einem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse getrieben, andererseits aber auch darauf ausgerichtet, einen Beitrag zur Gestaltung der Bildungspraxis zu leisten“, so Katharina Scheiter.

Foto: Phil Dera

Bund und Länder als Teamplayer

Soweit die Idee des Kompetenzverbunds, die insgesamt auch sehr wohlwollend von den versammelten Akteur:innen aufgenommen wurde. Natürlich gab es dennoch die ein oder andere Detailfrage an die Projektverantwortlichen. Der Fokus lag dabei auf den Handlungsfeldern Transfer und Wissenschaftskommunikation und der im Rahmen zukunftsorientierter Bildungsinitiativen immer wieder formulierten Herausforderung, einzelne Ergebnisse aus einem kleinen Kreis von Vorreitern in die Breite eines föderal verästelten Bildungssystems zu bringen. Die Ausbildung von Multiplikator:innen und die Etablierung von Standards seien Maßnahmen, welche die Landesinstitute bereits seit Jahren anwenden, so eine Vertreterin des Landesinstituts Niedersachsen in einer Fragerunde mit Katharina Scheiter und Michaela Weiß vom Forum Bildung Digitalisierung. Sie könne nur dringend raten, diese Expertise auch zu nutzen. 

Eine weitere Herausforderung: die mit insgesamt drei Jahren recht knapp bemessene Projektlaufzeit von lernen:digital. Dass dies für den Aufbau effektiver Strukturen, den Abbau föderaler Bildungssilos und den Einstieg in ko-kreative Arbeitsprozesse viel zu kurz sei, darüber waren sich viele der anwesenden Bildungsexpert:innen einig. Allerdings, so kommentierten sowohl Katharina Scheiter als auch BMBF-Abteilungsleiterin Johanna Börsch-Supan den Einwand, sei es auch gar nicht der Anspruch des Projekts, in solch kurzer Zeit systemische Veränderungen realisieren zu können. Vielmehr verstehe man das Projekt als Impulsgeber (Scheiter), als Katalysator (Börsch-Supan), der längst überfällige Veränderungen anstößt und im Rahmen einer Anschlussförderung (hoffentlich) weiter verstetigt. Die Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger lobte den Verbund in einem Videogrußwort zur Veranstaltung als wegweisende Kooperation zwischen Bund und Ländern. „Die Wissenschaft zusammen mit der Praxis. Gemeinsam bringen wir die digitale Bildung voran. Als echtes Team.“

Foto: Phil Dera

Wandel der Forschungspraxis

Wenn es also das zentrale Ziel des Kompetenzverbunds ist, die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis zu verbessern, dann bot die Veranstaltung viele spannende Gelegenheiten, Beispiele aus der Praxis zu sammeln und tiefer in die Gelingensbedingungen eines wirksamen Transfers einzusteigen. Die erste Frage wäre nämlich: Was verstehen wir eigentlich unter Transfer, wie sie ein Workshop zu diesem Thema stellte. Eine Nachwuchswissenschaftlerin berichtete, wie in ihrem Studium die Auseinandersetzung mit der Praxis eher vermieden als gefördert werde. Alle waren sich einig: Transfer werde im derzeitigen Wissenschaftssystem nicht gefördert, eine Veränderung der Forschungspraxis sei dringend notwendig. „Dabei könnte man beide Aspekte miteinander verbinden. Es wäre durchaus möglich, Lehramtsstudierende parallel zum Referendariat promovieren zu lassen. Solche Pilotprojekte hat es ja in einzelnen Bundesländern bereits gegeben“, so Katharina Scheiter in einer Fragerunde mit den teilnehmenden Expert:innen.

Susanne Prediger, Mathematikdidaktikerin und Expertin in der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission, welche die Kultusministerkonferenz berät, zeichnete ein differenzierteres Bild. Nach ihrer Einschätzung können Wissenschaft und Praxis problemlos kooperieren. „Einzelne Wissenschaftler:innen entwickeln mit einzelnen Lehrer:innen innovative Unterrichtskonzepte, einzelne Fortbildungsdesigner:innen erarbeiten mit einzelnen Fortbildner:innen spannende Fortbildungskonzepte. Diese beiden Ebenen der Ko-Konstruktion sind bereits gut etabliert.“ Die Herausforderung liege in der Schwierigkeit, diese Ergebnisse dann in die Breite zu tragen. „Wir brauchen dann auch Konzepte für die weitere Aneignung.“ Hier könne und müsse die Wissenschaft helfen, so Prediger.

Positive Fehlerkultur

In der Schlussrunde wurde dann noch einmal sehr deutlich, vor welchen Herausforderungen reine Praktiker:innen gerade stehen, wenn die Rede davon ist, wissenschaftliche Erkenntnisse gingen oft an der Unterrichtspraxis vorbei. Johannes Terwitte, Mitbegründer der kleinen Dorfschule in Lassaner Winkel, sieht sich konfrontiert mit einer Masse an Bildungsangeboten, die ihn fast täglich erreichen, ohne dass er die Zeit hätte, deren Tauglichkeit für den eigenen Unterricht beurteilen zu können. „Hier wünsche ich mir Unterstützung von der Bildungswissenschaft im Sinne einer Evaluation und Sammlung erprobter Module, möglichst bündig zusammengestellt an einem Ort.“ Und dabei möglichst länderübergreifend anwendbar und dann wiederum anpassbar an lokale Bedürfnisse.

Bliebe eines der Grundprobleme von Fortbildungskonzepten, so sinnvoll und passend sie auch sein mögen, das Björn Nölte, Referent in der Schulaufsicht der Evangelischen Schulstiftung für Berlin und Brandenburg, am Ende ansprach. „Die Reaktion der meisten Schulleitungen ist dann: Das kann ich meinem Kollegium nicht auch noch zumuten.“ Eine mögliche Lösung lieferte Nölte gleich mit: „Es gibt einen Hebel, der relativ einfach zu bedienen ist, und das sind die Studientage, die jeder Schule zustehen: Wenn es gelänge, die Themen bei lernen:digital so aufzubereiten, dass sie in diesem Kontext interessant sind, dann könnte man damit viele Schulen auf einmal erreichen.“

Ob und wie gut das alles im Rahmen des Kompetenzverbunds gelingen kann, wird sich zeigen. Die Zeit ist knapp, die Herausforderung groß. Aber eines ist klar: Der Wille zur Veränderung ist da. Und die digitale Transformation ist ein Prozess, dem man am besten mit Offenheit begegnet. „Noch wichtiger als das Anhäufen von Wissen ist mir eine positive Fehlerkultur. Ich wünsche mir für uns alle, dass wir das Gefühl wertschätzen: Ich weiß noch nicht genau, wohin die Reise geht, aber ich will dabei sein“, gab Katharina Scheiter den Teilnehmenden mit auf den Weg.

Text: Klaus Lüber

Foto: Phil Dera

Mehr zum lernen:digital Kick-off

Im Dialog mit… Julia Jennek

Biografie

Dr. Julia Jennek studierte Lehramt für Gymnasien mit den Fächern Geographie und Geschichte an der Universität Potsdam. Nach einem kurzen Intermezzo beim Bundesverband Geothermie kehrte sie zurück an die Universität, wo sie parallel zu ihrer Promotion in den Erziehungswissenschaften das Projekt Campusschulen auf- und ausbaute. In den letzten drei Jahren koordinierte sie am Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung der Universität Potsdam die Schulpraktika im Lehramtsstudium, ermöglichte deren Umsetzung während der Corona-Pandemie und trug zur Weiterentwicklung der Praktika sowie der Schul-Hochschul-Kooperation bei. Seit August 2023 unterstützt Julia Jennek den Kompetenzverbund lernen:digital als Broker:innen-Leitung für das Kompetenzzentrum Sprachen/Gesellschaft/Wirtschaft.

Im Dialog mit …

Julia
Jennek

Leitung Broker:innen Kompetenzzentrum Sprachen/Gesellschaft/Wirtschaft

Was macht die Rolle der Broker:innen aus und woran arbeiten Sie mit Ihrem Team?

Unsere Aufgabe besteht vor allem im „Knowledge Brokering”, was wir als Sammeln und Teilen von Wissen verstehen. Dazu kommt die Vernetzung, die unsere zentrale Aufgabe ist. 

Konkret arbeite ich mit einem Team aus drei Brokerinnen daran, die thematischen Schwerpunkte unserer sechs Projektverbünde zu analysieren, mögliche Synergien zu finden und die entsprechenden Projektpartner:innen zusammenzubringen. In unserem Kompetenzzentrum mit dem großen Fächerspektrum von Sprachen, Gesellschaft und Wirtschaft eine ziemlich komplexe Aufgabe! 

Darüber hinaus vernetzen wir uns mit den verschiedenen Teilprojekten der Transferstelle, um auch hier Synergien für die Arbeit mit den Verbünden zu erkennen. 

Letztlich wollen wir die Arbeit unserer Verbünde unterstützen, ihnen Hilfestellung leisten und ihre Arbeit sichtbar machen.

Welche Perspektiven bringen Sie mit, die für diese Rolle von Bedeutung sind?

Ich habe selbst Lehramt für die Fächer Geographie und Geschichte studiert und einige Zeit als Vertretungslehrerin gearbeitet. Mein Fokus lag in der Vergangenheit aber vor allem an der Schnittstelle von Hochschule und Schulpraxis: An der Universität Potsdam habe ich neben meiner Promotion das Campusschulen-Netzwerk aufgebaut und etabliert. Hier geht es darum, dass Wissenschaftler:innen, Lehrkräfte und Lehramtsstudierende gemeinsam an Themen der Schul- und Unterrichtsentwicklung arbeiten können. Meine Aufgabe war es, Räume für das Kennenlernen zu schaffen sowie die Grundstruktur der Kooperation zu etablieren. Aufgrund dieser Tätigkeit bin ich sehr vertraut mit den Anforderungen, die Wissenschaftler:innen und Lehrkräfte an die jeweils andere Seite stellen, was sie jeweils leisten können – und was nicht. In den letzten drei Jahren habe ich dann auch stärker mit den Verantwortlichen in der Bildungsadministration zusammengearbeitet, sodass ich auch diese Perspektive mit einbringen kann. Das Wissen hilft mir bei der Vermittlung zwischen „Theorie” und „Praxis” – die gar übrigens nicht so gegensätzlich sind, wie häufig behauptet wird!

Und natürlich sind viele meiner ehemaligen Kommiliton:innen jetzt Lehrkräfte – und geben mir den ungefilterten Eindruck davon, „was wirklich passiert”. 

Wie gelingt der Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis am besten?

Einen „Gegensatz” zwischen Theorie und Praxis gibt es so schlicht nicht – Lehrkräfte sind meiner Erfahrung nach neugierig auf das, was an den Universitäten passiert und möchten gern Fortbildungen besuchen, die von den Universitäten angeboten werden. Wissenschaftler:innen, die fortbilden, freuen sich darauf, Input von den Lehrkräften zu erhalten und zu sehen, wie diese wissenschaftliche Erkenntnisse für ihre Tätigkeit umsetzen. Meine Erfahrung aus dem Campusschulen-Netzwerk zeigt, dass Lehrkräfte auf jeden Fall hören wollen, wie die aktuellen wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnisse aussehen, um sich dann gemeinsam zu überlegen, wie sie das in ihrem Unterricht umsetzen können. Es braucht also Input, aber auch genügend Zeit für Austausch und gemeinsame Arbeit an der Umsetzung. Und: Lehrkräfte lieben nichts mehr als vorbereitete Materialien, die sie „nur noch” an die Bedürfnisse ihrer Lerngruppen anpassen müssen. 

Im Kompetenzverbund lernen:digital unterstützen wir Broker:innen unsere Verbünde dabei, Ihre Erkenntnisse für Fortbildungen aufzubereiten. Dazu zählen Beratung sowie die Organisation von Workshops zu gelungenen Fortbildungen, die Bereitstellung von Vorlagen für gute Selbstlernmaterialien und die Unterstützung von Formaten, mit denen größere Communities, z. B. über Social Media, erreicht werden können. Wir Broker:innen freuen uns darauf, hier zu unterstützen und unsere Expertise einzubringen.  

Im Dialog mit… Johannes Lorenz

Biografie

Johannes Lorenz ist 1983 in Berlin Pankow geboren und hat auch seine Schulzeit dort verbracht. Nach dem Zivildienst hat er ab 2004 an der Universität in Greifswald Germanistik, Kunst und Erziehungswissenschaften sowie die entsprechenden Fachdidaktiken seiner Fächer studiert. Direkt nach dem Studium trat Johannes Lorenz 2010 sein Referendariat in Berlin Prenzlauer Berg an und war von 2012 bis 2022 Lehrer an verschiedenen Berliner Gymnasien. Während dieser Zeit war er phasenweise Fachleiter des Fachbereichs Deutsch, Teil von Schulleitungsteams, verantwortlicher LRS-Lehrer und Mitglied des Digital-Teams an seinen Arbeitsstätten. Ab 2014 wurde er zudem noch Fachseminarleiter für angehende Deutschlehrkräfte. Seit August 2023 arbeitet er im Kompetenzverbund lernen:digital als Broker-Leitung für das Kompetenzzentrum Musik/Kunst/Sport.

Im Dialog mit …

Johannes
Lorenz

Leitung Broker:innen Kompetenzzentrum Musik/Kunst/Sport

Was macht die Rolle der Broker:innen aus und woran arbeiten Sie mit Ihrem Team?

Wir sind Vermittler, Zwischenhändler, Spediteure, Sprachrohr, Übersetzer, Brückenbauer. Dabei kommunizieren wir multidirektional, multiperspektivisch, dialogisch und transportieren Expertise zwischen Akteur:innen aus Forschung, Praxis, Administration – es wird also in alle Richtungen kommuniziert, sodass das gesamte System in den Blick genommen wird. Nicht nur Forschung soll in die Schulen, auch das Praxiswissen von Lehrkräften und deren Bedarfe müssen zu den Forschenden. Die Bildungsverwaltung muss wiederum die Rahmenbedingungen für die Umsetzung schaffen und dazu konsequent in die Entwicklungsprozesse eingebunden sein. Angesichts dieser komplexen Situation müssen wir zuhören, verstehen, dolmetschen und vernetzen. Das machen wir in unserem Team mit 68 Forschungsprojekten zu digitalen und digital gestützten Lernsettings für die Fächer Musik, Kunst, Sport und fächerübergreifend mit 200 Teilprojekten.

Welche Perspektiven bringen Sie dabei ein?

Ich komme aus der Praxis und bin Lehrer für die Fächer Deutsch und Kunst, war viele Jahre in der Lehrer:innenausbildung tätig und habe auch immer wieder Leitungsaufgaben in Schulen übernommen – somit kenne ich das Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft, Praxis, Politik und Verwaltung. Ich verstehe das Bedürfnis der Schulpraxis Unterstützung durch Wissenschaft, Forschung und Bildungspolitik zu erhalten; den Wunsch, gehört zu werden und auch deutlich zu machen, welche Forschungsansätze oder politischen Entscheidungen die Realität der Bildungslandschaft vielleicht noch nicht abdecken und die Vision, dass Bildungsverwaltung im Namen derer handelt, für die sie die Verantwortung trägt: Schüler:innen und Lehrkräfte. Für all das müssen wir die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten einnehmen, einen offenen Dialog führen und nicht zuletzt die Innovationen einem Realitätscheck unterziehen.

Wie gelingt der Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis am besten?

Eigentlich folgt Transfer dem Entstehen und Werden einer langen Beziehung. Am Anfang steht das Kennenlernen, es folgt der Aufbau von Respekt und Vertrauen, das Finden einer gemeinsamen Sprache und dann heißt es Zuversicht, Umsicht, Nachsicht, Engagement und Commitment.

Als Broker:innen tragen wir zu eben dieser Beziehungsarbeit bei: Wir vernetzen bezüglich fachlicher, überfachlicher, methodisch-didaktischer, digital-technischer und pädagogischer Aspekte: Welche Projektverbünde fokussieren Körper, Körperbewusstsein und Bewegung? Wer nimmt digitale Tools zum Gestalten künstlerisch-ästhetischer Produkte in den Blick? Wer arbeitet am Einsatz von KI oder VR? Wer forscht zu Blended Learning oder selbstgesteuertem Lernen? Wer widmet sich Inklusion und Chancengleichheit? In all diesen Bereichen spielt Digitalität eine große Rolle.

Im Dialog mit… Lara Halbrock

Biografie

Lara Halbrock studierte Kunstgeschichte und Romanistik sowie Biologie und Französisch für das gymnasiale Lehramt in Hamburg. Seitdem bewegt sie sich beruflich an der Schnittstelle von Kultur, Bildung, Technologie und Naturwissenschaften. Schulische Lehrerfahrung sammelte sie sowohl national wie international. Seit 2020 forscht und lehrt Lara Halbrock als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hildesheim. Ihr Fokus liegt hierbei auf der Förderung digitalisierungsbezogener Kompetenzen von (angehenden) Lehrkräften und Schüler:innen im naturwissenschaftlichen Unterricht. Seit Juli 2023 leitet sie das Broker:innen Team für das Kompetenzzentrums MINT an der Universität Potsdam.

Im Dialog mit …

Lara
Halbrock

Leitung Broker:innen Kompetenzzentrum MINT

Was macht die Rolle der Broker:innen aus und woran arbeiten Sie mit Ihrem Team?

Als Broker:innen nehmen wir im Kompetenzverbund lernen:digital die Rolle der Vermittler, Brückenbauer und Zwischenhändler ein. Dabei vermitteln wir zwischen unterschiedlichen Akteur:innen aus Wissenschaft, Kommunikation und Bildungspraxis, kommunizieren multidirektional sowie multiperspektivisch und „handeln” mit Wissen, das wir durch die enge Zusammenarbeit mit den Projektverbünden unserer jeweiligen Kompetenzzentren erlangen. Damit stellen wir eine wichtige und vor allem greifbare Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Bildungspraxis und -verwaltung dar. Ein konsequenter Schritt, um die digitale Transformation von Schule und Lehrkräftebildung in Deutschland zielgerichtet auf den Weg zu bringen. Hier kann nicht nur die Praxis von der Wissenschaft, sondern auch die Wissenschaft von der Praxis profitieren. Damit Vernetzung und Transfer zwischen unseren 52 Hochschulen und Forschungseinrichtungen im Kompetenzzentrum MINT auch gelingen kann, braucht es viel Feingefühl und Verständnis für alle beteiligten Seiten sowie Aufmerksamkeit für die vielen Fortschritte in den unterschiedlichen Bereichen. 

Welche Perspektiven bringen Sie dabei ein?

Ich bin Lehrerin für die Fächer Biologie und Französisch sowie Kunsthistorikerin. Im Laufe meiner beruflichen Laufbahn habe ich sowohl für Kultur- und Bildungseinrichtungen als auch in der Wissenschaft gearbeitet und mich dadurch immer „zwischen den Welten” bewegt – sowohl auf fachlicher als auch auf institutioneller Ebene. Das Spannungsfeld zwischen Bildungspraxis und -politik sowie Wissenschaft ist mir daher gut vertraut. Um sicherzustellen, dass Forschungsergebnisse und politische Maßnahmen die Realität des Bildungssystems in Deutschland angemessen berücksichtigen, ist ein offener Dialog, die Fähigkeit zur Perspektivenvielfalt und die Entwicklung einer gemeinsamen Vision von entscheidender Bedeutung. Der Kompetenzverbund lernen:digital bietet dahingehend eine echte Chance. Wir MINT-Broker:innen freuen uns darauf, aktiv an diesem Prozess mitzuwirken. 

Wie gelingt der Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis am besten?

Der erfolgreiche Transfer zwischen Bildungspraxis und Wissenschaft erfordert engagierte Zusammenarbeit, offene Kommunikation, gegenseitiges Vertrauen und dauerhafte Verbindungen zwischen beiden Bereichen. Im Kompetenzverbund lernen:digital arbeiten wir intensiv an Konzepten, die einen effektiven und nachhaltigen Wissenstransfer zwischen Bildungspraxis und Wissenschaft ermöglichen, um einen echten Mehrwert für die digitale Transformation von Schulen und die Ausbildung von Lehrkräften in unserem Land zu schaffen. Wissenschaft-Praxis-Transfer bedeutet nicht nur, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Bildungspraxis zu übertragen, sondern auch die Expertise aus der Praxis in die Wissenschaft zurückzuspielen und auf einen Forschungsbedarf hinzuweisen. Die Broker:innen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Sie tragen dazu bei, dass die Verbünde innerhalb der Kompetenzzentren und darüber hinaus zusammenwachsen und haben dabei sowohl fachliche, überfachliche, methodisch-didaktische, digital-technische und pädagogische Aspekte im Blick: Welche Fächer werden fokussiert? Wer beforscht den Einsatz von KI, VR oder MR zur Flexibilisierung des Lernens in zeitlicher und räumlicher Hinsicht? Wo beschäftigt man sich mit Blended Learning und wer befasst sich mit Inklusion und Heterogenität? In diesen und vielen weiteren Bereichen spielt Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Unsere Aufgaben als Broker:innen bestehen darin, dieses Wissen zu bündeln. Dafür gilt es aufmerksam zuzuhören und flexibel auf die Bedürfnisse der Verbünde, der Wissenschaftskommunikation und der Praxispartner:innen zu reagieren. Denn die Vernetzung und der Transfer sind und bleiben Schlüsselelemente für eine stabile Beziehung zwischen Wissenschaft und Praxis. 

Im Dialog mit… Susanne Prediger

Biografie

Susanne Prediger ist Professorin für Fachbezogenen Erkenntnistransfer und für Fachdidaktik. Seit 2021 leitet sie das Deutsche Zentrum für Lehrkräftebildung Mathematik (DZLM), das am IPN – Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik angesiedelt ist. Das DZLM kooperiert eng mit den Landesinstituten und Kultusministerien aller 16 Länder sowie zahlreichen Schulen, um fachdidaktische Ansätze forschungsbasiert und praxistauglich zu entwickeln und in großen Fortbildungsprogrammen auszubringen. Mit halber Stelle ist sie weiterhin an der Technischen Universität Dortmund tätig.

Im Dialog mit …

Prof. Dr.
Susanne Prediger

Leiterin des Deutschen Zentrums für Lehrkräftebildung Mathematik, Abteilung für Fachbezogenen Erkenntnistransfer

Was ist das Besondere am Kompetenzverbund lernen:digital?

Lehrkräfte für die fachdidaktisch fokussierte und mediendidaktische treffsichere Einbindung digitaler Medien im Fachunterricht zu befähigen, braucht die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Fachdidaktiken, Mediendidaktiken und Fortbildungsforschung. Im Kompetenzverbund lernen:digital werden in vielen Teilprojekten entsprechende digitalisierungsbezogene Fortbildungsangebote entwickelt und beforscht. Im Gegensatz zu fachübergreifend angelegten Programmen steht hierbei die Fachspezifität der Angebote im Vordergrund – und das ist empirisch nachweislich wichtig für effektive Fortbildungen.

Welche Perspektive bringen Sie mit Ihrer Einrichtung ein?

Das Deutsche Zentrum für Lehrkräftebildung Mathematik am IPN – Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik hat sich die fachbezogene Transferforschung zur zentralen Aufgabe gemacht. Seit zwölf Jahren entwickeln und erforschen wir in Zusammenarbeit mit den Fortbildungsstrukturen der Länder, wie fachbezogene Fortbildungsprogramme und die dazu passenden Qualifizierungen für Fortbildende inhaltlich und fortbildungsdidaktisch ausgestaltet sein müssen, um tatsächlich die Unterrichtspraktiken zu verändern. Wir freuen uns darauf, diese Expertise in den Kompetenzverbund lernen:digital einzubringen.

Was verstehen Sie unter gelungenem Transfer und was braucht es dafür?

Gelungener Transfer ist keine Einbahnstraße, sondern zielt auf das wechselseitige Lernen von Praxis und Wissenschaft. 

Transfer kann gelingen, wenn in Kooperation mit Stakeholder:innen aller Ebenen didaktische Innovationen auf Unterrichts- und Fortbildungsebene sorgfältig ausgearbeitet und iterativ weiterentwickelt werden. Dabei kann die empirische Untersuchung der Lehr-Lern- und Transferprozesse dazu beitragen, Wirkungen und Gelingensbedingungen immer umfassender und tiefgehender zu verstehen, und auf dieser Basis die Angebote immer treffsicherer zu gestalten. Das ist nur möglich, wenn die Fortbildungsstrukturen der Länder systematisch einbezogen sind.

Im Dialog mit… Ulrike Cress

Biografie

Ulrike Cress ist seit 2017 Direktorin des IWM. 2013 bis 2016 war sie stellvertretene Direktorin. Seit 2008 ist sie W3-Professorin an der Universität Tübingen im Fachbereich Psychologie und leitet am IWM die Arbeitsgruppe Wissenskonstruktion (früher „Design und Implementation integrativer Lernumgebungen“). Sie hat Psychologie studiert, wurde 2000 promoviert und 2006 an der Universität Tübingen habilitiert.

Im Dialog mit …

Prof. Dr.
Ulrike Cress

Direktorin des IWM, Leiterin der Arbeitsgruppe „Wissenskonstruktion“ und kommissarische Leiterin der Arbeitsgruppe „Multiple Repräsentationen“

1. Was ist das Besondere am Kompetenzverbund lernen:digital?

Die Forschung weiß viel darüber, wann digitale Tools das Lernen unterstützen und besser machen. Es war dringend notwendig, dass dieses Wissen deutschlandweit gebündelt und für die Schulpraxis nutzbar gemacht wird.

2. Welche Perspektive bringen Sie mit Ihrer Einrichtung ein?

Das Leibniz-Institut für Wissensmedien beschäftigt sich umfassend mit dem Potenzial digitaler Medien für Lernprozesse. Relevante Themen waren zunächst das Lernen mit Simulationen oder mit Multimedia, oder das kooperative Lernen. Dann kam das Lernen mit VR/AR, mit Robotern oder Sprachagenten dazu. Haptik und Bewegung spielen eine zunehmende Rolle, und auch außerschulische Lernorte und ihre Verknüpfung zur Schule. In den Kompetenzverbund lernen:digital bringen wir diese Forschung ein. 

Wir kümmern uns insbesondere darum, dass zukünftig relevante Lernsettings frühzeitig identifiziert und mit Lehrkräften diskutiert werden. Denn digitales Lernen wird sich immer weiterentwickeln, und es gilt, mit aktuellen technischen Entwicklungen Schritt zu halten, um immer neue Potenziale zu heben.

3. Was verstehen Sie unter gelungenem Transfer und was braucht es dafür?

Transfer ist gelungen, wenn digitale Medien im Schul- und Unterrichtsalltag so angekommen sind, dass sie für alle Schüler:innen neue Lerngelegenheiten schaffen und das Lernen verbessern. Für Lehrende erweitern digitale Medien den Möglichkeitsraum für das Unterrichten. Durch Transfer sollten wir sicherstellen, dass Lehrkräfte die Kompetenzen dazu haben, auf geeignetes Material und Unterrichtskonzepte zurückgreifen zu können, und nicht jede Lehrkraft das Rad neu erfinden muss.